Dietmar Zöller

Ein Nachruf

29.08.23     
 
Das Leben meines großen Bruders liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir.
Seine ersten Lebensjahre kenne ich nur aus Erzählungen. Er war nicht einmal zwei Jahre alt, als er mit unseren Eltern von Genua aus mit dem Schiff nach Indonesien fuhr. Drei Monate waren sie unterwegs und erlebten, während das Schiff anlegte, Karachi in Pakistan und Bombay in Indien.
 
Ich überspringe jetzt etliche Jahre und habe ein Foto vor mir: Gernot im Kindergarten, deutlich erkennbar am blonden Haarschopf. Er soll sehr schnell die fremde Sprache gelernt haben und konnte sich mit dem javanischen Hauspersonal, das muslimisch geprägt war, verständigen.
Einmal soll er zu unserem Vater gesagt haben: kau tolol, das heißt übersetzt: Du bist doof. Djangang djangang Gernot schrie die entsetzte Babu (Waschfrau).
Mich gab es noch lange nicht, denn vor mir wurde Rüdiger geboren. Mutter soll mit schwangerem Bauch während dieser Zeit in der Schule mit dem Namen Aptisabta neues Testament unterrichtet haben, selbstverständlich ohne Honorar. Ihre Berufsbezeichnung: Ikut suami (folgt dem Ehemann).
Als Rüdiger geboren war, soll Gernot gesagt haben: Baby itu saja tidak mau, Mama sakit (dieses Baby will ich nicht, Mama ist krank). Vom Bruder soll Gernot auch gesagt haben: Baby itu tidak punja kaki (das Baby hat keine Füße). Aber liebevoll soll er dem Brüderchen eine Rosine in den Mund gesteckt haben.
Gernot galt als pande (klug), denn er verstand die fremden Sprachen außerordentlich gut. Dazu muss man wissen, dass das Hauspersonal Javanisch sprach, die Eltern in der Schule in Indonesisch unterrichteten und Vater in den Dörfern die Simalungun-Sprache sprechen musste.
Als ich mich zwei Jahre nach Rüdigers Geburt ankündigte, waren wohl alle etwas verunsichert.
Als dritter Sohn wurde ich mit Jubel empfangen, aber der Jubel legte sich schnell, als klar war, dass mich die Malaria Tropica unwiederbringlich gezeichnet hatte. Unsere Köchin, die nenek isa genannt wurde, und deren muslimische Frömmigkeit nahezu sprichwörtlich war, soll zu Mutter gesagt haben: „Ich habe für dich und dein Kind gebetet.“
Eigentlich wollte ich immer mal Gernot fragen, woran er sich aus dieser Zeit erinnern kann.
Zu spät!
Ich wollte Gernot noch so viel fragen, aber es gibt keinen Gernot mehr. Ich bin aber sicher, dass die Zeit in Indonesien Gernot entscheidend geprägt hat.

Als Gernot in die Schule kam, verstand ich, der arme kleine Behinderte, mehr als mein Umfeld vermutete. Ich spürte, wie die Fröhlichkeit aus meinem Bruder wich.
Eine Lehrerin soll ihn einmal gezwungen haben, von seinen Erlebnissen in Indonesien zu erzählen. Dabei musste er sich auf einen Stuhl stellen. Diese Pose passte nicht zu meinem Bruder. Sie hatte sein Leben lang nicht zu ihm gepasst. ,,Willst du mich erschießen?", soll die wenig sensible Frau gefragt haben, als das schlaue Kind eine entsprechende Handbewegung in ihre Richtung machte.
,,Ja“, soll Gernot geantwortet haben.
 
Als wir zu einem Urlaub in die Toskana aufbrachen, besuchte mein Bruder bereits das Gymnasium. Mutter quälte ihn mit lateinischer Grammatik, die ich sofort begriff.
Ablativus gellt es noch heute in mein Ohr. Gernot begriff nicht, warum er das lernen sollte. Es tut mir noch heute leid, dass ich den großen Bruder ohrfeigte, weil er so begriffsstutzig war.
Ablativus absolutus. Diesen Begriff konnte ich wie so vieles nicht aus meinem Gedächtnis verdrängen.
Über andere gemeinsame Urlaubsreisen habe ich in anderen Zusammenhängen erzählt. Als Gernot ein Alter erreicht hatte, in dem ein junger Mensch nicht mehr mit den Eltern in den Urlaub fahren will, reagierte ich verängstigt und fühlte, dass ich keine Urlaubsreise ohne den Bruder machen wollte. Es rumorte in meinem Inneren und ich fühlte: ohne Gernot will ich keinen Urlaub mehr.
Gernot war von den Wikingern beeindruckt. Wenn wir in Skandinavien waren, schwärmte er von den Schiffen der Wikinger und war davon überzeugt, dass er Archäologe werden wollte. Die Begeisterung für Schiffe und Seefahrt begleitete meinen Bruder bis zu seiner letzten Segelfreizeit, nach der er so plötzlich seine letzte Schiffsreise antreten musste.

Gernot und die Schiffe: Das könnte die Überschrift für ein neues Kapitel sein. Klitzekleine Schiffe aus Nussschalen und Hölzern bastelte er in einer Zeit, als ich das Zimmer mit ihm teilte und ihn zum Weinen brachte, wenn ich eins seiner Schiffe zerstörte, weil ich mich nicht unter Kontrolle hatte. Es war nicht leicht, mit einem autistischen Bruder zu leben.
Da kommen mir Henki und Andi in den Sinn. Sie wohnten im Haus nebenan, das der früheren Bethelmission gehörte. Die Freunde waren in Tansania geboren, wo ihr Vater viele Jahre als Missionar gearbeitet hatte. Ich beobachtete die Jungen voller Sehnsucht und mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Wie gern hätte ich geholfen, das Fort auszubauen, in dem sie spielten und lebten. Ich beobachtete Freundschaft und Kameradschaft und lernte begreifen, was ich alles nicht haben konnte. Wohlbehütet und geschützt von Mutter erfuhr ich Außenseitertum hautnah und schmerzlich. Zu meinem Schutz hielt ich mich in einem sogenannten Laufstall auf, war gefangen körperlich und seelisch.

Der Umzug von Bethel nach Leinfelden-Echterdingen stellt eine Zäsur dar in meiner Beziehung zu meinem großen Bruder. Er wurde erwachsen, und ich blieb das Kind, das ständig eine Aufsicht brauchte. Ich beobachtete die pubertären Probleme meiner Brüder manchmal mit Erschrecken, aber auch mit der Ahnung, dass ich die unausweichlichen Veränderungen, die mit der Pubertät einhergehen, niemals würde gefühlsmäßig und handelnd wie sie erleben können.
 
Gernot begann eine Schreinerlehre, die er mit dem Gesellenbrief erfolgreich abschloss. Was er mit den Händen anfertigte, imponierte mir sehr. Gern stieg ich zu ihm in den Keller, wo seine Werkbank stand. Noch heute gibt es in unserer Wohnung Werkstücke, die er während der Lehre anfertigte.
Ich bewunderte meinen großen Bruder.
Dann passierte etwas Entsetzliches. Gernot musste an einem Samstag arbeiten. Normalerweise fuhr er mit dem Fahrrad zu der Arbeitsstelle. Mutter bot ihm großzügig an das Auto zu nehmen.
Mittags ein Anruf: Unfall, Auto Schrott und Gernot im Krankenhaus.
Lange blieben wir ohne Nachricht und zitterten vor Angst und Entsetzen. Vater war in Stuttgart in einer Sitzung, nachdem er informiert worden war, eilte er ins Krankenhaus. Dann die erlösende Nachricht: Gernot lebte, seine Verletzungen schwerwiegend. Weihnachten stand vor der Tür und ich konnte mich endlich davon überzeugen, dass mein Bruder überlebt hatte.
Jahrelang schreckte meine Mutter auf, wenn sie nachts ein Martinshorn hörte. Die Angst um Gernot trieb uns um und bestimmte den Alltag.
Gernot schaffte die Gesellenprüfung und ich bewunderte sein Gesellenstück, das noch heute in seiner Wohnung steht.
Er lernte Maren kennen, gemeinsam bauten sie mit Freunden das Domino auf, eine Begegnungsstätte für Jugendliche mit und ohne Probleme.
Ich erinnere mich an einen Tag der offenen Tür: Inzwischen waren Maren und Gernot verheiratet, und der kleine Julian, mein Patenkind, wurde am Tag der offenen Tür nicht nur von den Großeltern herumgereicht.
Wir verbrachten viel Zeit zusammen und gern besuchte ich meinen Bruder mit seiner jungen Familie in der Wernerstraße, wo sie sich in einer kleinen Mietwohnung ein gemütliches Zuhause geschaffen hatten. Alle Möbel stammten aus Gernots Hand.
Kurzzeitig arbeitete mein Bruder für eine Leiharbeitsfirma. Eine Firma warb den Leiharbeiter ab und beschäftigte ihn. Meines Wissens unterstützte der Chef das Vorhaben, eine Ausbildung als Diakon zu beginnen. Über die Inhalte dieser Ausbildung weiß ich wenig. Mir ist aber bekannt, dass er auch eine Anerkennung als staatlich geprüfter Erzieher erwarb. Eine Abschlussarbeit wurde in unserem Haus auf einer altmodischen Schreibmaschine getippt. Mutter verbesserte die Zeichensetzung, großzügig hatte Gernot die Kommas wie mit einem Salzstreuer im Text verteilt.
 
Erinnerungsprung

Unzählige Familienfahrten nach Ebersbach (Fils).
Gernot wurde als Diakon eingesegnet und wohnte und arbeitete nun für viele Jahre in Ebersbach.
Bei Gemeindeveranstaltungen, die Gernot organisierte, waren meine Eltern und ich stets zugegen. Ich habe mich bei den Geschwistern immer sehr wohlgefühlt.
Große Freude herrschte, als ein eigenes Haus bezogen werden konnte. Kurzzeitig habe ich davon geträumt, in der Nähe meines Bruders leben zu können.
Ich habe mit Mutter an Gernots Grab gestanden, und die letzte Blume auf seinen Sarg geworfen.
Ich fragte Mutter am offenen Grab: Hast du ihn geliebt?
Ja, Mutter hat ihn geliebt wie mich und Rüdiger.
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