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  Unterstüztes Schreiben
 

 

Unterstütztes Schreiben mit der Hand oder mit einer Tastatur

Es ist eine Herausforderung, bei autistischen Kindern ohne Lautsprache Kommunikation anzubahnen und zu fördern.

 

Von Dietmar Zöller

 

Den folgenden Text möge man bitte als Denkanstoß verstehen. Es handelt sich nicht um eine umfassende Abhandlung; die alle Aspekte des unterstützten Schreibens im Blick hat. Ich verweise darum im angefügten Literaturverzeichnis auf meine Publikationen zum Thema FC.

 

Ohne Kommunikation keine Inklusion

 

Immer öfter ist in den Medien davon die Rede, dass es (Einzel) fälle gibt, die sich den Inklusionsbemühungen entziehen. Das sind u.a. Kinder mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung, die keine Lautsprache entwickelt haben. Der Misserfolg bei der Inklusion ist vorprogrammiert, wenn eine Kommunikationsanbahnung im Einzelsetting nicht stattgefunden hat. Ohne Kommunikation ist jeder Inklusionsversuch zum Scheitern verurteilt. Auch die begabtesten Lehrer/innen mit großer Motivation müssen bei der Aufgabe scheitern, wenn sie für eine heterogene Klasse die Verantwortung tragen

Wenn die Schreibmotorik nur mit Unterstützung funktioniert

In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Rosalind Oppenheim in Amerika bereits einen Zusammenhang zwischen den Problemen bei der Sprech- und Schreibmotorik autistischer Kinder vermutet. („Effective teaching methods for autistic Children“, Springfield, 1974) Sie machte die Erfahrung, dass autistische Kinder das Schreiben mit der Hand lernen konnten, wenn man sie an der Hand berührte. Ich habe das immer so verstanden, dass die Schreibhand stabilisiert werden musste.

Bei mir selbst war es ähnlich. Inhaltlich gab es keine Hilfen. Später machten wir die Entdeckung, dass eine orthopädische Bandage die Hand stabilisieren konnte. Dann wurde nur noch der Rand der Bandage leicht berührt, d.h. es gab keinen Hautkontakt. Dass Berührung d. h. Hautkontakt mit inhaltlicher Beeinflussung gleichzusetzen ist, kann ich für meine Person nicht bestätigen. Was ich als Kind mit Schrift und Bildern inhaltlich ausdrückte, war besonders, teilweise einzigartig. Konnten die Hindernisse beim Schreiben dauerhaft überwunden werden? Nein.  An Tagen, an denen ich mich schlecht spüre, bin ich nach wie vor auf Unterstützung angewiesen.

Wer bis zu dieser Stelle gelesen hat, wird denken: Das ist doch „gestützte Kommunikation“ (facilitated communication = FC) Das stimmt. Aber weder Oppenheim, noch Familie Zöller kannte FC. FC gab es noch gar nicht, als wir unsere Erfahrungen machten.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es am Anfang gar nicht um Kommunikation ging, sondern um Motorik und Körperwahrnehmung. Das war aber weder meiner Mutter, noch mir bewusst.

Das Buch von Oppenheim bekamen wir erst in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts in die Hand.

 

„Unterstützte Kommunikation“, „Gestützte Kommunikation“ oder „Unterstütztes Schreiben“ – welcher Begriff passt?

Die Begrifflichkeit entscheidet in vielen Fällen über die Zustimmung für eine Sache oder über die Ablehnung. Da sind die Begriffe „Unterstützte Kommunikation“ und „Gestützte Kommunikation“. Der zweite Begriff, die Übersetzung von „facilitated communication (fc)  ist seit vielen Jahren „verbrannt.“ Eine Unterschriftenaktion von „Experten“, mit der die gestützte Kommunikation als unwirksam und schädlich deklariert wurde, drängte die Methode, mit der R. Crossley in Australien beachtliche, aber nicht unumstrittene Erfolge erzielte, mit einem Schlag zurück. Die Unterstützte Kommunikation behielt ihre Anerkennung. Es brachte nicht viel, dass Anhänger/innen von FC  die gestützte Kommunikation zur UK zählten.

Ich komme bei kritischer Betrachtung zu dem Ergebnis, dass beide Ansätze Kommunikation anbahnen können, aber nicht per se Kommunikation bedeuten.

In jedem Fall muss der Proband zuerst motorische Probleme in den Griff bekommen, und dafür ist Unterstützung nötig. Die Unterstützung ist immer mit einem physischen Kontakt verbunden. Inhaltliche Aussagen spielen zunächst eine untergeordnete Rolle.

Darum möchte ich das Wort Kommunikation nicht überstrapazieren, sondern vom „Unterstützten Schreiben“ sprechen. Dabei bleibt offen, ob es um das Schreiben mit der Hand oder das Schreiben mit einer Tastatur geht. In beiden Fällen sind grundlegende motorische Fertigkeiten unabdingbar.

Wir brauchen einen neuen Ansatz, der die motorischen Probleme in den Mittelpunkt rückt.

Einzelförderung in Kindergarten und Schule, möglichst auf zwei Personen verteilt, sollte selbstverständlich sein.

Inhalte der Einzelförderung im Kindergarten:

·                   Aufmerksamkeitstraining

·                   Übungen mit Kreiden und Stiften

·                   Geben und Nehmen

·                   Zeigen mit isoliertem Zeigefinger

·                   Übungen zur Auge-Hand-Koordination

·                   Bilder und einfache Symbole verwenden

Wünsche, Bedürfnisse äußern, indem auf Bilder oder Symbole gezeigt wird.

·                   Ja – Nein – Karten benutzen

 

Bei älteren Schüler/innen, bei denen es keine geeignete Einzelförderung gab, muss man im Einzelfall entscheiden, wie man vorgehen will.

Unterstütztes Schreiben mit der Hand als Möglichkeit, Bewegungsstörungen zu kompensieren

Das Schreiben mit der Hand ist eine komplexe feinmotorische Fähigkeit.

Es ist gar nicht so einfach, wie es aussieht, einen Stift in der Hand zu halten und damit Zeichen auf ein Papier zu bringen, die sichtbar bleiben.

Jeder Stift, jede Kreide in der Hand wird vom autistischen Kind zunächst als Fremdkörper erlebt, den man loswerden möchte. Das Anfassen des Fremdkörpers ist eine unangenehme Sinneserfahrung.  Darum besteht der erste Arbeitsschritt darin, die beteiligten Finger mit dem Fremdkörper vertraut zu machen. Ich selbst benutzte in einer frühen Phase Stifte, die mit Sandpapier umwickelt waren. Das Sandpapier fühlte sich an der Haut angenehm an.

Nächster Übungsschritt: den Stift für immer längere Zeit festhalten können.

Dann erst kann der dritte Schritt in Angriff genommen werden: mit Handführung abgesetzte Striche, Kreuze usw. aufs Papier bringen.

Spontane Kritzel-Versuche müssen sofort „verstärkt“ werden.

Ich möchte zur anfänglichen Handführung geradezu ermutigen. Der motorische Ablauf muss eingeübt werden. Von einer selbstständigen Kommunikation sind wir noch weit entfernt.

Es ist ein weiter Weg zurückzulegen, bis Kommunikation über „unterstütztes Schreiben“ möglich wird.

 

Das Zeigen/ Tippen als feinmotorische Leistung und als Kommunikationshilfe bei gestörter oder nicht entwickelter Lautsprache

 

Es sieht einfach aus, und jedes normal entwickelte Kleinkind lernt es spontan: das Zeigen mit dem isolierten Zeigefinger. Das nicht altersgemäß entwickelte Kind muss u.U. jeden Teilschritt üben:

·       den Zeigefinger als einzelnen Finger spüren können. (Stimulation und Massage können helfen.)

·       den Zeigefinger strecken können, während die anderen Finger gebeugt bleiben.

·       Das Zeigen auf ein Bild oder Symbol (Buchstaben gehören dazu.)

·       Die Auge-Handkoordination ist eine schwierige Sache. Wen auch immer ich beobachtet habe, es lief unproblematisch, einfach und elegant ab. Aber bei autistischen Menschen beobachtete ich, wie sie auf der Tastatur einen Buchstaben anschauten, dann aber den Buchstaben umkreisten; um schließlich den Buchstaben daneben zu treffen. Ich selbst machte ähnliche Erfahrungen, die ich aber zum Glück überwinden konnte. Die Probleme, die ich hatte, kann ich beschreiben: Ich konnte nicht gleichzeitig etwas mit den Augen fixieren und motorisch in Gang kommen. Das ging nur zeitverzögert, also nacheinander. Wer mich ganz genau beobachtete, konnte merken, dass ich kurz den Blick abwandte, während ich den Arm anhob und den Zeigefinger in die richtige Position brachte.

Und nun kommt der wichtigste und schwierigste Schritt: die Kommunikation bzw. der Dialog.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass es immer wieder autistische Schüler/innen gibt, die lesen können, ohne dass es ihnen jemand beigebracht hat. In diesen Fällen gab es manchmal erstaunliche Erfolge. Wie man dann vorgeht, muss ich nicht ausführen. Das sollten ausgebildete Lehrer/innen besser wissen als ich mit meinen begrenzten Erfahrungen.

Es gibt aber auch Fälle, bei denen es nötig ist, zuerst das Kind mit den Buchstaben vertraut zu machen. Mir selbst wurden im Vorschulalter ganze Wörter angeboten. Ich isolierte in Gedanken die einzelnen Buchstaben und setzte sie neu zusammen. Wann erste kleine Dialoge möglich wurden, lässt sich nicht mehr verifizieren.

 Auf jeden Fall wurde aus dem „unterstützten Schreiben“ eine „unterstützte Kommunikation“.

 

Meine Veröffentlichungen zum Thema Gestützte Kommunikation (FC):

 

Zöller, Dietmar, (1995), Was ich von der Gestützten Kommunikation halte, in: Autismus und Familie, Tagungsbericht, Hg. Bundesverband Hilfe für das autistische Kind, Hamburg

Zöller, Dietmar (2001), Autismus und Körpersprache. Störungen der Signalverarbeitung          zwischen Kopf und Körper, Weidler Buchverlag, Berlin

Zöller, Dietmar (2002), Gestützte Kommunikation (FC): Pro und Contra, Weidler Buchverlag, Berlin

Zöller, Dietmar (2004), Autismus und Lernen, Erfahrungen mit unterschiedlichen Förder- und Lernstrategien, Weidler Buchverlag Berlin

Zöller, Dietmar (Hrsg) (2006), Autismus und Alter. Was autistische Menschen, ihre Angehörigen, Menschen, die mit ihnen arbeiten und Verbände zu diesem Thema zu sagen haben, Weidler Buchverlag, Berlin

 

Zöller, Dietmar (2011), Nichts geht automatisch. Autistische Verhaltensweisen verstehen lernen, Weidler Buchverlag, Berlin

Zöller, Dietmar (2013), Schreiben ist eine gute Medizin. Aus meinen Tagebüchern 2009-2012, Selbstverlag Hermann Danne, Breitingen ISBN 978-3-941942-03-5

Dietmar Zöller & Marlies Zöller (2010), Warum hilft es vielen autistischen Menschen, wenn man sie stützt?  in: A. Alfare, T. Huber-Kaiser, F. Janz, T. Klauß (Hrsg), Facilitated Communication. Forschung und Praxis im Dialog, S. 134 ff

Dietmar Zöller (2016), Die Gestützte Kommunikation ist für nichtsprechende Autisten unverzichtbar.

In: behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und
Arbeiten, Nr. 3, 2016, S. 73 f

 

Autismus Stuttgart e.V. (Hrsg) (2008), Autistische Menschen stützen. (Kleine) Schritte zu einem aktiven Austausch mit der Umwelt, Broschüre

 

Tito R. Mukhopadhyay (2017), Wie soll ich sprechen, wenn sich meine Lippen nicht bewegen,

aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Dietmar Zöller, Weidler Buchverlag, Berlin

 

Dietmar Zöller (2018), Jenseits der Lebensmitte, Ein Autist erlebt und reflektiert das Älterwerden, Verlag Rad und Soziales

 

 

 

 

 
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