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  Wie ich das Problem der Reizüberflutung allmählich in den Griff bekam
 
Die Verarbeitung von Sinnesreizen. – Wie ich das Problem der Reizüberflutung allmählich in den Griff bekam
Von Dietmar Zöller
Mit 28 mir fremden Menschen war ich im April 2011 in Vietnam und Kambodscha unterwegs. Wir reisten von Ort zu Ort und schliefen höchstens zwei Nächte im selben Hotel. Immer wieder werden meine Eltern oder ich gefragt, wie ich solche Strapazen ausgehalten habe. Es ging mir gut. Ich konnte die vielen neuen Eindrücke in vollen Zügen genießen. Wie ist das möglich für jemanden, der in mehreren Veröffentlichungen seine Wahrnehmungsverarbeitungsprobleme ausführlich beschrieben hat?
„Am Anfang war das Chaos“, das ist ein Satz von mir. Was ich als Kind sah, hörte und fühlte, überforderte mich oft. Ich konnte nicht immer erkennen, was ich gerade sehen oder hören sollte. Oft reagierte ich aus Hilflosigkeit und Verzweiflung mit Schreien. Allmählich lernte ich mit Mutters Hilfe, die einzelnen Reize zu unterscheiden und zuzuordnen. Wir machten Ausflüge und Reisen, zuerst in die nähere Umgebung, dann wurden wir immer mutiger. Ich machte deutliche Fortschritte, aber manchmal war ich überfordert und rastete aus. Dann war ich am Ende mit der Verarbeitung der Sinnesreize und brauchte eine Auszeit in reizarmer Umgebung.
Ich habe schon längere Zeit bemerkt, dass ich ganz gut mit den Wahrnehmungsverarbeitungsproblemen zurechtkomme. Aber meist muss ich willentlich das Unwichtige ausklammern. Es gibt keinen automatischen Filterungsprozess. Nun habe ich aber während der letzten Reise festgestellt, dass ich ohne mich anstrengen zu müssen, die relevanten Hör- und Sehinformationen bekam. Es gab keine Ablenkungen mehr. Ich konnte mich darum auch angepasst verhalten.
Das Geheimnis ist, dass wenn ich Fremdes und Neues erlebe, meine Aufmerksamkeit fokussiert wird. Es gibt weniger Ablenkungen. Der Filterungsprozess gelingt nun manchmal von allein, ohne dass ich den Willen einschalten muss. Es war  schon immer so, dass ich, wenn mir Neues angeboten wurde, aufmerksamer war. So ist es geblieben. Langeweile produziert Unaufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit produziert Stereotypien und Verhaltensprobleme.
Man muss also Menschen mit Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen viel Neues anbieten. Sie vor den Reizen schützen zu wollen ist kontraindiziert. Natürlich wird man die Anforderungen allmählich steigern. Aber es besteht nach meiner Erfahrung die berechtigte Hoffnung, dass man lernt, die wichtigen Informationen von den unwichtigen zu trennen. Eine Hierarchisierung der Hör- und Sehreize gelingt nicht vollständig und zu jeder Zeit, aber sie wird erfahrbar und damit entsteht das Bewusstsein, wie die Reizverarbeitung bei neurotypischen Menschen vonstatten geht.
 
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