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  Welche Schlüsse Leo Kanner 1943 aus der Beschäftigung mit elf Kindern zog, die für ihn weder schizophren, noch geistig behindert, sondern autistisch waren.
 


Welche Schlüsse Leo Kanner 1943 aus der
Beschäftigung mit elf Kindern zog, die für ihn weder schizophren, noch geistig
behindert, sondern autistisch waren?

(Leo Kanner (1943), Autistic Disturbances of affective Contact, in: Nervous Child, 2, 217-250)

Von
Dietmar Zöller


Nachdem ich vor ca. 10 Jahren den berühmten Text von Leo Kanner übersetzt hatte, habe ich mich immer wieder darüber gewundert, mit welcher Selbstverständlichkeit; auch in wissenschaftlichen Publikationen; der Kanner-Autismus vom Asperger-Syndrom unterschieden wird. Seit Mai 2013 wird man sich daran gewöhnen müssen, dass die offiziell anerkannte Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ heißt. Im Mai 2013 erschien der neue Diagnosekatalog „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (kurz: DSM 5), herausgegeben von der American Psychiatric Assoziation (APA). Nach DSM 5 wird das Asperger-Syndrom nicht mehr als eigenständiges Krankheitsbild aufgeführt, sondern zur Autismus-Spektrum-Störung gezählt.
Mehrere Fälle, die Kanner 1943 beschrieben hat, passen zu dem Bild, das man schon lange vom sog. Asperger-Autisten verbreitet hat. Insofern ist es mir nicht schlüssig
vorgekommen, dass der Frühkindliche Autismus auch Kanner-Autismus genannt wird.

Was für ein Bild vom frühkindlichen Autismus hat Kanner vermittelt? Kanner bezieht sich auf elf Fälle, acht
Jungen und drei Mädchen, alle unter elf Jahre alt. Nach eigenen Beobachtungen und nach Berichten und Aufzeichnungen von Eltern geht Kanner davon aus, dass
diese Kinder mit einer „Unfähigkeit“ auf die Welt gekommen sind: Sie können sich mit ihrem Körper nicht den Bewegungen einer Bezugsperson anpassen. Sie reagieren nicht mit dem Körper, wenn sie hochgenommen werden.

Kanner unterscheidet die autistischen Kinder von schizophrenen und geistig behinderten
Kindern.. Wieso hat man Kanners Beobachtungen so wenig ernst genommen? Nach wie vor werden Kinder mit der Diagnose Frühkindlicher Autismus bzw. Kanner-Autismus als geistig behindert eingestuft.
Welche Bedeutung aber hat es, wenn ein Säugling nicht in der Lage ist, mit dem Körper antizipatorisch auf die sich ihm nähernde Bezugsperson zu reagieren? Man hat
das Verhalten der Kinder immer so gedeutet, dass sie die Nähe nicht mögen und darum den Körperkontakt vermeiden.
Könnte es nicht sein, dass das heranwachsende Kind, entsprechend der früh sichtbaren Besonderheit, nicht in der Lage ist, mit seinem Körper auf Kontaktangebote zu
reagieren? Die Möglichkeit, mit Gestik und Mimik etwas auszudrücken, scheint ja bei vielen autistischen Kindern, auch bei Erwachsenen, nicht voll ausgebildet zu sein. So könnten Gefühle und Kontaktwünsche eingeschlossen bleiben, obgleich sie vorhanden sind.
Diese Gedanken habe ich bereits 1995 geäußert:

Wie nehmen Menschen Beziehungen auf?

Sie
lächeln sich an,
tauschen Blicke.
Durch ihren
ganzen Körper
drücken
sie
Zuneigung aus.

Was hindert
autistische Menschen,
Beziehungen
zu gestalten?

Ihr Körper
drückt
Gefühle
nicht
aus.

Die Mimik
bleibt
starr.
Die Augen
schauen
nicht an,
was sie lieben.

So bleiben Gefühle
eingeschlossen,
Beziehungen
ungelebt.


Geschultes
Pflegepersonal müsste eigentlich sehr früh erkennen können, ob der Säugling vom Autismus bedroht ist, nämlich dann, wenn er nicht antizipatorisch darauf
reagiert, wenn ihn jemand hochnimmt. Fakt ist aber, dass die Diagnose Autismus oft sehr spät gestellt wird.
Lesen
Sie Kanners Zusammenfassung und Diskussion seiner Beobachtungen selbst.  


Die letzten 10 Seiten (page 33-43) von
Kanners Aufsatz:
(Übersetzung:
Dietmar Zöller)

Diskussion:
Die elf Kinder (acht Jungen und drei Mädchen), deren Geschichten kurz präsentiert wurden, zeigen, wie zu erwarten ist, individuelle Unterschiede in dem Ausmaß ihrer Störung, in der Ausprägung der besonderen Merkmale, der Familienkonstellation und der schrittweisen Entwicklung im Laufe der Jahre.
Aber sogar ein kurzer Rückblick auf das Material lässt das Auftauchen einer Reihe von wichtigen gemeinsamen Charakteristika unvermeidlich erscheinen. Diese
charakteristischen Merkmale bilden ein „Syndrom“, worüber bisher nicht berichtet wurde, das selten genug vorzukommen scheint, aber wahrscheinlich häufiger ist,
als die wenigen beobachteten Fälle anzeigen. Es ist durchaus möglich, dass einige solcher Kinder als schwachsinnig oder schizophren angesehen worden sind.
Tatsächlich wurden mehrere Kinder unserer Gruppe uns als Idioten oder Imbezile vorgestellt, eins ist noch in einer staatliche Schule für Schwachsinnige und zwei wurden vorher für schizophren gehalten.
Die hervorstechende, „pathognomonische“, fundamentale Störung vom Lebensbeginn an ist die Unfähigkeit der Kinder, in einer normalen Weise mit Menschen und Situationen in Beziehung zu treten. Die Eltern sagten von ihnen, dass „sie immer selbstzufrieden gewesen seien“, „wie in einer Muschel“, „am glücklichsten, wenn man sie allein ließ“, „sich verhaltend, als wären Menschen
nicht da“, „absolut nicht beachtend, was alles um ihn herum ist“, „den Eindruck erweckend von einer stillen Weisheit“, „nicht den üblichen Grad von sozialem Bewusstsein entwickelnd“, „immer agierend wie hypnotisiert“. Dies ist nicht wie bei schizophrenen Kindern und Jugendlichen das Abgleiten aus einer anfangs vorhandenen Beziehung, es ist kein „Rückzug“ von einer vorher dagewesenen Teilnahme.
Da ist von Anfang an eine extreme autistische Einsamkeit, die, wenn immer es geht, alles, was auf das Kind
von außen zukommt, missachtet, nicht zur Kenntnis nimmt, ausschließt. Direkter körperlicher Kontakt oder eine Bewegung oder ein Geräusch, alles, was droht, das Alleinsein zu unterbrechen, wird entweder behandelt „als ob es nicht da wäre“ oder, wenn das nicht länger auszuhalten ist, als störendes Eingreifen schmerzhaft zurückgewiesen.
Nach Gesell stellt sich das durchschnittliche Kind im Alter von vier Monaten, wenn es von einem Tisch hochgehoben oder auf einen Tisch gelegt wird, motorisch darauf ein, verbunden mit einer Anspannung des Gesichtes und einer Anhebung der Schultern. Gesell kommentierte:
Es ist möglich, dass weniger deutliche Anzeichen solcher Anpassung bereits kurz nach der Geburt gefunden werden können. Zwar muss eine Verhaltensweise durch Erfahrung konditioniert werden, die Möglichkeit, solche Erfahrung zu machen,
ist jedoch beinahe immer gegeben, und die Reaktion ist hoch objektiv und verdient weitere Beobachtung und Aufzeichnung.
Diese allgemeine Erfahrung
wird erworben entsprechend der Häufigkeit, mit der ein Kind von der Mutter oder einer anderen Person hochgenommen wird. Es ist darum hoch signifikant, dass
fast alle Mütter unserer Patienten ihr Erstaunen darüber berichteten, dass es bei ihren Kindern zu allen Zeiten nicht vorkam, dass sie durch ihre Haltung anzeigten, dass sie hochgenommen werden wollten. Ein Vater berichtete, dass
seine Tochter (Barbara) über Jahre ihre Mimik oder ihre Lage nicht im geringsten veränderte, wenn die Eltern, nachdem sie mehrere Stunden abwesend gewesen waren, sich dem Bettchen näherten, mit ihr redeten und sich
anschickten, sie aufzunehmen.
Das durchschnittliche Kind
lernt während der ersten Monate, seinen Körper der Körperhaltung der Person anzupassen, die es hält. Unsere Kinder waren dazu nicht in der Lage, bis sie zwei oder drei Jahre alt waren. Wir hatten die Gelegenheit, den 38 Monate alten Herbert in einer solchen Situation zu beobachten. Seine Mutter informierte ihn in angemessene Weise, dass sie ihn aufnehmen würde, indem sie ihre Arme in
seine Richtung ausstreckte. Es gab keine Reaktion. Sie ging dazu über, ihn aufzunehmen und er ließ es sich gefallen, blieb dabei ganz passiv, als wäre er ein Sack Mehl. Es war seine Mutter, die sich ihm anpassen musste. Herbert war in jener Zeit in der Lage zu sitzen, zu stehen und zu laufen.
Acht der elf Kinder erreichten die Fähigkeit
zu sprechen
entweder im üblichen Alter oder mit etwas Verzögerung. Drei (Richard, Herbert, Virginia) sind bis jetzt „stumm“ geblieben. Bei keinem der acht „sprechenden“ Kinder hat die Sprache jahrelang nicht dazu gedient, anderen einen Inhalt zu vermitteln. Sie waren, mit der Ausnahme von John F., in der Lage, klar zu artikulieren und Laute zu bilden. Sachen zu benennen bereitete
keine Probleme. Sogar lange und wenig gebräuchliche Wörter wurden gelernt und mit bemerkenswerter Leichtigkeit behalten. Fast alle Eltern berichteten
gewöhnlich mit großem Stolz, dass ihre Kinder in einem jungen Alter gelernt hatten, eine ungewöhnliche Zahl von Kinderreimen, Gebeten, Listen von Tieren, Reihenfolge von Präsidenten, das Alphabet vorwärts und rückwärts aufzusagen, sogar fremdsprachige (französische) Wiegenlieder. Abgesehen vom Nachsprechen von
Sätzen, die zu den fertigen Gedichten gehörten und andere Satzteile, an die sie sich erinnerten, dauerte es lange, bevor sie begannen Wörter zusammenzusetzen.
Sprache bestand also vor allen Dingen darin, etwas zu benennen, aus Substantiven, die Objekte bezeichnen, Adjektive, die Farben bezeichnen, und Zahlen, die nichts Spezifisches meinten.
Ihre ausgezeichnete Fähigkeit, etwas auswendig
zu lernen
, verbunden mit der Unfähigkeit, die Sprache in irgendeiner anderen Weise zu benutzen, führte die Eltern oft dazu, sie mit immer mehr Versen, zoologischen und botanischen Bezeichnungen, Titel und Komponisten von
Platten und Ähnlichem vollzustopfen. Demgemäß wurde die Sprache, die die Kinder nicht kommunikativ anwandten, von Anfang an in einem beachtlichen Ausmaß zu einer auf sich bezogenen, in Bezug auf Sinn und Konversation wertlosen oder höchst verzerrten Gedächtnisübung. Für ein Kind von zwei oder drei Jahren konnten alle diese Wörter, Zahlen und Gedichte („Fragen und Antworten aus dem
Presbyterianischen Katechismus“, „Mendelsohns Violinkonzert“, „der 23. Psalm“, ein französisches Wiegenlied, das Inhaltsverzeichnis einer Enzyklopädie) kaum mehr bedeuten als eine Ansammlung von unsinnigen Silben für einen Erwachsenen.
Man kann schwerlich sicher wissen, ob dieser Befund essentiell den Verlauf des psychopathologischen Zustandes bestimmt hat. Aber es ist auch schwierig, sich
vorzustellen, dass er nicht tief in die Entwicklung der Sprache als Werkzeug, sinnvolle Botschaften zu empfangen und zu übermitteln, einwirkte.
Was die kommunikative Funktion der Sprache anbetrifft, gibt es keinen grundlegenden Unterschied zwischen den acht sprechenden und den drei stummen Kindern. Richard wurde einmal von seiner Pflegemutter belauscht, als er deutlich „Gute Nacht“ sagte. Berechtigte Skepsis im Hinblick auf diese Beobachtung wurde später zerstreut,
als dieses „stumme“ Kind im Untersuchungszimmer gesehen wurde, wie es seinen Mund bewegte und leise Wörter wiederholte, als es verschiedene Dinge nennen
sollte. Die „stumme“ Virginia – behaupteten ihre Gefährtinnen in der Hütte –wurde wiederholt gehört, als sie sagte: „Schokolade“, „Marshmallow“, „Mama“,
„Baby“.

Wenn
schließlich Sätze gebildet werden, sind sie für eine lange Zeit meist papageienhafte Wiederholungen von Wortkombinationen, die gehört wurden. Sie kommen wie ein Echo manchmal sofort, aber sie werden genauso oft behalten und zu einem späteren Zeitpunkt geäußert. Wenn man will, kann man von verzögerter Echolalie sprechen. Als
Bestätigung dafür kann man ansehen, wenn eine Frage wörtlich wiederholt wird.
Um die Vorstellung „Ja“ zu erwerben, brauchen die Kinder viele Jahre. Sie können es nicht als ein Symbol für Zustimmung benutzen. Donald lernte „ja“ zu sagen, als sein Vater ihm sagte, er würde ihn auf die Schulter nehmen, wenn er „ja“ sage. Dieses Wort bedeutete dann den Wunsch, auf Vaters Schultern genommen zu werden. Es dauerte viele Monate, bevor er das Wort „ja“ von dieser
besonderen Situation trennen konnte, und es dauerte noch viele länger, bis er in der Lage war, es als allgemeinen Ausdruck der Zustimmung zu benutzen.
Der gleiche Typ von Festhalten am Buchstaben besteht im Hinblick auf Präpositionen.
Als Alfred gefragt wurde: „What is this picture about?“ (Auf diesem Bild geht
es worum?) erwiderte er: „People are moving about.“ (Leute laufen ´rum.) John F. korrigierte die Behauptung seines Vaters über Bilder an der Wand. Die Bilder seien „nahe
der Wand“. Donald T., gebeten etwas abzulegen, legte es prompt auf den Fußboden. Offensichtlich wird die Bedeutung eines Wortes zu etwas Feststehendem, und es kann nicht anders benutzt werden als mit der zuerst
aufgenommenen Konnotation. Es gibt keine Schwierigkeiten mit dem Plural und den Zeiten. Aber die Tatsache, dass es keine spontanen Satzbildungen gibt und die echolalischen Wiederholungen haben bei jedem der acht sprechenden Kinder zu einem besonderen grammatischen Phänomen geführt. Personalpronomen werden genauso wiedergegeben, wie sie gehört wurden, mit keiner Veränderung, um sie der veränderten Situation anzupassen.
Das Kind, dem einmal von der Mutter gesagt wurde: „Nun will ich dir die Milch geben“, drückt den Wunsch nach Milch mit genau denselben Worten aus.
Konsequenterweise kommt es dazu, dass es von sich als „du“ und von der Person, die es anspricht, als „ich“ redet. Es wird nicht nur das Wort, sondern auch die
Betonung beibehalten. Wurde die ursprüngliche Aussage der Mutter in Form einer Frage gemacht, wird sie in der grammatischen Form und mit der Modulation einer
Frage nachgesprochen. Das Nachsprechen „Bist du fertig für das Dessert?“ bedeutet, dass das Kind für das Dessert fertig ist. Es gibt für jede besondere Gelegenheit eine Anzahl von Sätzen, die nicht verändert werden dürfen. Die
pronominale Fixierung bleibt bis ungefähr zum sechsten Lebensjahr bestehen, bis das Kind allmählich lernt, von sich in der ersten Person zu sprechen und von der angeredeten Person in der zweiten Person. Während der Übergangs-phase kehrt es manchmal zur früheren Form zurück oder spricht manchmal von sich in der dritten Person.
Die Tatsache, dass die Kinder etwas nachplappern, was sie hörten, bedeutet nicht, dass sie aufpassen, wenn zu ihnen gesprochen wird. Oft sind viele Wiederholungen von Fragen oder Aufforderungen nötig, bevor eine Antwort
erfolgt. Nicht weniger als sieben der Kinder wurden vorher für taub oder schwerhörig gehalten. Es besteht ein vorherrschendes Bedürfnis, ungestört gelassen zu werden. Alles, was von außen an das Kind herangetragen wird, was
seine äußere oder sogar seine innere Umgebung verändert, steht für eine schreckliche Störung.
Das Füttern ist die früheste Zudringlichkeit von außen, mit der das Kind konfrontiert wird. David Levy beobachtete, dass emotional vernachlässigte Kinder, wenn sie in einem
Pflegeheim untergebracht waren, wo sie gut behandelt wurden, in der ersten Zeit außergewöhnliche Mengen von Nahrung verlangten. Hilde Bruch fand bei ihren
Studien mit fettleibigen Kindern heraus, dass das Zuvielessen oft damit zu tun hat, dass es zu wenig emotionale Angebote von den Eltern gibt oder sie als
unbefriedigend erlebt werden. Unsere Patienten hingegen, ängstlich darauf bedacht, die Außenwelt von sich fern zu halten, zeigen dies umgekehrt mit der Verweigerung von Nahrung. Donald „erbrach während des ersten Lebensjahres viel“, Barbara „musste bis zum Alter von einem Jahr künstlich ernährt werden“, Herbert, Alfred und John zeigten große Probleme beim Füttern vom Lebensbeginn an. Die meisten von ihnen, die ständig damit bedrängt wurden, gaben schließlich
nach einem erfolglosen Kampf auf und fingen plötzlich an zufriedenstellend zu essen.
Eine andere Belästigung geht von lauten Geräuschen und sich bewegenden Objekten aus, auf die sie darum
mit Erschrecken reagieren. Dreiräder, Schaukeln, Aufzüge, Staubsauger, fließendes Wasser, Gasbrenner, technische Spielsachen, Schneebesen, sogar der Wind konnte
gelegentlich eine große Panik verursachen. Eins der Kinder fürchtete sich aufs Klo zu gehen, wo der Hochdruckreiniger aufbewahrt wurde. Spritzen und Untersuchungen mit dem Stetoskop oder Ohrenspiegel führten zu einer ernsten
emotionalen Krise. Doch es ist nicht das Geräusch oder die Bewegung an sich, die Furcht auslöst. Die Störung kommt vom Geräusch oder der Bewegung, die in die Einsamkeit des Kindes von allein eindringt oder einzudringen droht. Das Kind selbst kann fröhlich ein noch so lautes Geräusch machen und Sachen nach Herzenslust bewegen.
Aber die Geräusche und Bewegungen des Kindes und alle seine Äußerungen sind so monoton gleichbleibend wie die
sprachlichen Äußerungen. Die Variationsmöglichkeiten bei spontanen Aktivitäten sind in bemerkenswerter Weise begrenzt. Das Verhalten des Kindes wird von einem
zwanghaften Wunsch, alles gleich zu erhalten, bestimmt, was niemand als das Kind selbst bei seltenen Anlässen
durchbrechen darf. Das Abweichen von einer Routine, von der Anordnung der Möbel, von einem Muster, von einer Ordnung, nach der der Tag abläuft, kann ihn zur Verzweiflung bringen. Als Johns Eltern dabei waren, in eine neue Wohnung umzuziehen, geriet das Kind, als es sah, wie die Möbelpacker den Teppich im Zimmer aufrollten, ganz außer sich bis zu dem Moment, als er in der neuen
Wohnung sah, dass seine Möbel in derselben Weise wie vorher aufgestellt waren. Er schaute fröhlich aus, alle Ängstlichkeit war plötzlich gewichen und er lief
herum und fasste bewegt jedes Teil an. Wenn einmal Klötze, Perlen, Stöcke in einer bestimmten Weise zusammengeräumt worden waren, wurden sie in exakt in
derselben Weise wieder gruppiert, obgleich es dafür keine Vorlage gab. Das Gedächtnis der Kinder war in dieser Hinsicht phänomenal. Nach mehreren Tagen konnte eine
Anzahl von Klötzen genau so wieder nach einem willkürlichen Muster aufgestellt werden, so dass dieselbe Farbe, dasselbe Bild oder derselbe Buchstabe eines
Klotzes nach oben zeigte wie vorher. Es wurde sofort bemerkt, wenn ein Klotz fehlte oder wenn ein überzähliger Klotz da war, und es gab die unmissverständliche Aufforderung, das vermisste Teil wiederzubeschaffen. Wenn jemand einen Klotz wegnahm, kämpfte das Kind darum, ihn zurückzubekommen, geriet in einen panischen Zustand, bis es ihn wiederbekommen hatte und dann
kehrte es sofort und mit einer plötzlichen Ruhe nach dem Sturm zu dem Bauwerk zurück und legte den Klotz an seinen Platz.
Das Bestehen auf Gleichförmigkeit führte bei verschiedenen Kindern dazu, dass sie sehr verstört
reagierten, wenn sie etwas sahen, was zerbrochen oder nicht vollständig war.
Ein großer Teil des Tages wurde damit verbracht, nicht nur denselben Wortlaut einer Frage zu fordern, sondern auch die Gleicherhaltung der Reihenfolge der Ereignisse. Donald wollte nach seinem Mittagsschlaf nicht das Bett verlassen,
bevor er gesagt hatte: „Boo, sag ‚Don, willst du jetzt aufstehen?’“ und bis die Mutter reagiert hatte. Aber das war nicht alles. Die Sache wurde noch nicht als vollständig fertig betrachtet. Donald fuhr fort: „Sag nun ‚In Ordnung.’“ Wieder
musste die Mutter sich fügen oder es gab Geschrei, bis das „Spiel“ fertig war.
Das ganze Ritual war ein berechenbarer Teil der Handlung, nach einem Schläfchen aufzustehen. Jede andere Aktivität musste von Anfang bis zum Ende so durchgeführt werden, wie sie ursprünglich angefangen hatte. Es war unmöglich,
von einem Spaziergang zurückzukommen, ohne denselben Weg zurückgelegt zu haben, der davor zurückgelegt worden war.
Der Anblick eines zerbrochenen Querbalkens an einem Garagentor brachte Charles während seiner
gewöhnlichen täglichen Tour so außer sich, dass er wochenlang darüber redete und Fragen stellte, sogar noch, als er einige Tage in einer entfernten Stadt verbrachte. Eins der Kinder bemerkte ein Knacken in der Decke des
Untersuchungszimmers und fragte immer wieder ängstlich, wer die Decke beschädigt habe, sie konnte nicht beruhigt werden, nicht durch irgendeine Antwort, die ihr gegeben wurde. Ein anderes Kind, das eine Puppe mit einem Hut
und eine andere ohne einen Hut sah, konnte nicht zufrieden gestellt werden, bis der andere Hut gefunden und der Puppe aufgesetzt war. Er verlor dann das Interesse an den beiden Puppen. Gleichheit und Vollständigkeit waren wieder hergestellt, und alles war wieder gut.
Die Veränderungsangst und Angst vor Unvollständigkeit scheint ein Hauptfaktor bei der Erklärung der monotonen Wiederholungen und der daraus resultierenden begrenzten Variation spontaner Aktivitäten zu sein. Eine Situation, eine Handlung, ein Satz wird nicht als komplett erachtet,
wenn er nicht aus denselben Elementen besteht, die dazu gehörten, als das Kind zum ersten Mal damit konfrontiert wurde. Wenn der kleinste Bestandteil geändert
oder entfernt wurde, ist die ganze Situation nicht mehr dieselbe und wird nicht als solche akzeptiert oder es wird mit Ungeduld zurückgewiesen oder es wird mit
großer Frustration reagiert. Die Unfähigkeit, etwas Ganzes zu erfassen ohne volle Aufmerksamkeit für die einzelnen Teile, aus denen es besteht, ist etwas, was an die Not der Kinder mit einer spezifischen Leseschwäche erinnert, die auf die moderne ganzheitliche Leselernmethode nicht ansprechen, sondern denen beigebracht werden muss, Wörter aus ihren alphabetischen Elementen aufzubauen.
Das ist vielleicht einer der Gründe, warum die Kinder aus unseren Gruppen, die alt genug waren, um lesen zu lernen, sofort damit beschäftigt waren, die Wörter zu „buchstabieren“, oder warum Donald zum Beispiel so verstört über die
Tatsache war, dass „light“ und „bite“ dieselbe phonetische Qualität haben, aber unterschiedlich buchstabiert werden.
Objekte, die ihr Aussehen und ihre Lage nicht verändern, die gleich bleiben und niemals das Alleinsein des Kindes zu stören drohen, werden von dem autistischen Kind
leicht akzeptiert. Es hat eine gute Beziehung zu Sachen. Es ist an ihnen interessiert, kann damit glücklich stundenlang
spielen. Es kann sie sehr gern haben oder kann z.B. auf sie böse werden, wenn sie sich nicht an einem bestimmten Platz einpassen lassen. Wenn es damit umgeht, hat es eine befriedigende Art von unbestreitbarer Kraft und Kontrolle.
Donald und Charles begannen im zweiten Lebensjahr mit dieser Kraft zu experimentieren, indem sie alles kreiseln ließen, was man kreiseln lassen konnte, und sie sprangen auf und ab wie in Ekstase, wenn sie sahen, wie die
Gegenstände rotierten. Frederik „sprang mit großem Vergnügen auf und ab“, als er kegelte und sah, wie die Kegel umfielen. Die Kinder spürten dieselbe Kraft
im eigenen Körper, nahmen sie wahr und erfuhren sie bei rollenden und anderen rhythmischen Bewegungen im eigenen Körper. Diese Aktivitäten und die sie
begleitende Begeisterung zeigen deutlich, dass ein selbstbefriedigender orgastischer Genuss damit verbunden ist.
Die Beziehung der Kinder zu Personen ist ganz und gar anders.
Jedes der Kinder suchte, als es das Untersuchungszimmer betrat, sofort Klötze, Spielsachen oder andere Dinge, ohne den anwesenden Personen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Es wäre falsch zu behaupten, dass sie die
Anwesenheit der Personen nicht wahrnahmen. Aber die Personen hatten, solange sie das Kind in Ruhe ließen, die gleiche Bedeutung wie der Tisch, das Bücherregal oder der Aktenschrank. Wenn das Kind angesprochen wurde, ärgerte es sich nicht. Er hatte die Wahl überhaupt nicht zu reagieren, wenn eine Frage zu insistierend wiederholt wurde, oder sie zu übergehen und mit dem weiter zu
machen, was er gerade gemacht hatte. Kommen und Gehen, sogar der Mutter, schien er nicht zu registrieren. Gespräche, die im Raum geführt wurden, riefen kein
Interesse hervor. Wenn die Erwachsenen nicht versuchten, in die Domäne des Kindes einzudringen, berührte es zuweilen, weil er sich zwischen ihnen bewegte, sanft eine Hand oder ein Knie, wie er sonst den Tisch oder die Couch anfasste. Aber er guckte einem nie ins Gesicht. Wenn ein Erwachsener energisch auf ihn zuging, ihm einen Klotz wegnahm oder auf einen Gegenstand trat, den das Kind benutzte, kämpfte das Kind und wurde auf die Hand oder den Fuß ärgerlich, die es nicht als Teile einer Person behandelte. Er wandte sich nie mit einem Wort oder einem Blick an den, zu dem die Hand oder der Fuß gehörte. Wenn der Gegenstand wiedererlangt war, wurde das Kind sofort ruhig. Als es gepiekst wurde, zeigte es Angst vor der Nadel und nicht vor der Person, die ihn piekste.
Die Beziehung zu den Familienangehörigen oder zu anderen Kindern unterschied sich nicht von der zu
den Leuten im Untersuchungszimmer. Ein auffallendes Bestreben allein zu sein bestimmte das ganze Verhalten. Vater oder Mutter oder beide konnten für eine Stunde oder einen Monat weg sein. Bei ihrer Rückkehr gab es keine Anzeichen dafür, dass das Kind ihre Abwesenheit überhaupt registriert hat. Nach vielen Ausbrüchen aus Frustration lernte es allmählich und widerstrebend Kompromisse einzugehen. Wenn es keinen Ausweg findet, befolgt es gewisse Anordnungen, macht bei täglichen Routineangelegenheiten mit, aber es besteht immer auf die
Einhaltung seiner Rituale. Wenn eine Gesellschaft ist, läuft er „wie ein Fremder“ zwischen den Leuten herum oder wie eine Mutter es nennt, „wie ein Fohlen, das man aus einem Gehege herausgelassen hat.“ Wenn es mit anderen
Kindern zusammen ist, spielt es nicht mit ihnen. Es spielt allein, während sie um ihn herum sind, geht keinen Kontakt mit ihnen ein, weder körperlich noch durch Mimik oder mit Worten. An Wettbewerbsspielen nimmt es nicht teil. Es ist
nur da, und wenn es manchmal bis an die Gruppe herankommt, zieht es sich sofort zurück und bleibt allein. Gleichzeitig kennt es schnell die Namen aller Kinder
der Gruppe, kennt möglicherweise die Haarfarbe von jedem Kind und andere Details von jedem Kind.
Es kann weitaus mehr mit Bildern von Personen anfangen als mit den Personen selbst. Bilder können sich im Übrigen nicht einmischen. Charles war gefühlsmäßig an dem Bild eines Kindes in einer Zeitschriftenanzeige interessiert. Er machte wiederholt Bemerkungen über die Schönheit und Nettigkeit des Kindes. Elaine war von Tierbildern
fasziniert, aber ging nicht in die Nähe eines lebendigen Tieres. John unterschied nicht zwischen realen und abgebildeten Menschen. Als er ein Gruppenfoto sah, fragte er im Ernst, wann die Leute aus dem Bild in das Zimmer
kommen würden.
Obwohl die meisten dieser Kinder immer mal wieder als geistesschwach angesehen wurden, waren sie alle ohne Frage mit einem guten kognitiven Potential ausgerüstet. Sie hatten ausdrucksvolle, intelligente Physiognomien.
Ihre Gesichter vermittelten den Eindruck von großer Ernsthaftigkeit und in Gegenwart Anderer von ängstlicher Spannung, wahrscheinlich, weil sie sich schwer auf mögliche Störungen einstellen konnten. Wenn sie allein mit
Gegenständen sind, sieht man oft ein zufriedenes Lächeln und einen Ausdruck von Schönheit, manchmal verbunden mit einem fröhlichen, wenn auch monotonen Summen
und Singen. Der erstaunliche Wortschatz der sprechenden Kinder und das ausgezeichnete Gedächtnis für Ereignisse, die jahrelang zurückliegen, das phänomenale Gedächtnis für Gedichte und Namen und die Fähigkeit, komplexe
Muster genau reproduzieren zu können, sprechen für eine gute Intelligenz in dem Sinn, in dem das Wort sonst allgemein gebraucht wird. Binet- oder ähnliche Tests konnten nicht durchgeführt werden, weil man nicht gut genug an das Kind herankam. Aber alle Kinder taten sich mit dem Seguin-Formenbrett leicht.
Körperlich waren die Kinder im Wesentlichen normal. Fünf hatten relativ große Köpfe. Einige Kinder waren etwas ungeschickt im Gang und bei grobmotorischen Verrichtungen, aber alle waren sehr geschickt, wenn es um die feinmotorische Muskelkoordination ging. Die Elektroencephalogramme waren in
allen Fällen normal, außer bei John, dessen vordere Fontanelle sich nicht schloss, bis er zweieinhalb Jahre alt war und der mit fünfeinviertel Jahren zwei Serien von vorwiegend rechtsseitigen Anfällen hatte. Frederick hatte in
der Achselhöhle eine überzählige Brustwarze. Es gab keine anderen Beispiele für angeborene Abnormitäten.
Es gibt einen anderen gemeinsamen Nenner, was die Herkunft der Kinder anbelangt. Sie kommen alle aus hoch intelligenten Familien. Vier Väter sind Psychiater, einer ist ein brillianter Rechtsanwalt, einer Chemiker und Abgänger der Rechtsfakultät, beschäftigt im staatlichen Patentamt, einer ist Pflanzenpathologe, einer Professor für
Forstwirtschaft, einer Werbetexter mit einem juristischen Abschluss, er hat an drei Universitäten studiert, einer ist Bergbauingenieur und einer erfolgreicher Geschäftsmann. Neun der elf Mütter haben einen College-Abschluss. Von den beiden, die nur eine Highschool-Ausbildung haben, war eine Sekretärin in einem pathologischen Laboratorium und die andere betrieb vor ihrer Verheiratung in New York City ein Geschäft für Theaterkarten. Unter den anderen war eine freie Schriftstellerin, eine Ärztin, eine Psychologin, eine diplomierte Krankenschwester und Fredericks Mutter war
nacheinander Einkäuferin einer Mädchenschule, die Direktorin für die Ausbildung von Sekretärinnen und Geschichtslehrerin. Unter den Großeltern und Verwandten waren viele Ärzte, Wissenschaftler, Schriftsteller, Journalisten und Kunststudenten.
Alle, außer drei Familien, kamen entweder im „Who is who in America“ oder im „American
Men of Science
“ oder in beiden vor.

Zwei der Kinder sind jüdisch, die anderen sind angelsächsischer Herkunft. Drei sind Einzelkinder,
fünf sind die Älteren von zwei Kindern in den jeweiligen Familien, eins ist das älteste von drei Kindern, eins ist das jüngere von zwei und eins ist das jüngste von drei.

Kommentar:
Das Zusammenkommen von extremem Autismus, Zwanghaftigkeit, Stereotypien und Echolalie bringt das ganze Bild in die Nähe von einigen grundlegenden
Phänomenen der Schizophrenie. Einige Kinder sind tatsächlich manchmal als zu diesem Typ gehörig diagnostiziert worden. Aber trotz der bemerkenswerten
Ähnlichkeiten unterscheidet sich der Zustand in vieler Hinsicht von allen anderen bekannten Beispielen kindlicher Schizophrenie.

Zunächst muss man feststellen, dass sogar bei den ersten berichteten Fällen von Schizophrenie, einschließlich der dementia praecocissima nach De Sanctis und
der kindlichen Schizophrenie nach Heller der früheste beobachtbare Ausbruch (der Krankheit) in einem Alter von mindestens zwei Jahren lag, und das bei im Wesentlichen normaler Entwicklung. Die Krankheitsgeschichten heben besonders hervor, dass es sich um eine allmähliche Veränderung im Verhalten der Patienten handelte. Die Kinder unserer Gruppe haben alle von Anfang ihres Lebens an eine extreme Aufsichbezogenheit gezeigt, was nichts mit
irgendetwas, was von außen auf sie zukam, zu tun hatte. Dies wird am charakteristischsten ausgedrückt, wenn jemand wiederholt berichtet, dass das Kind, wenn es aufgenommen wird, keine antizipatorische Haltung annimmt und dass sich sein Körper nicht dem Körper der Person, die ihn hält, anschmiegt.

Zweitens sind unsere
Kinder in der Lage, mit Objekten, die ihr Fürsichsein nicht zu stören drohen, ausgezeichnet zielgerichtet und „intelligent“ umzugehen, aber sie sind von Anfang an ängstlich und unzugänglich in Bezug auf Personen, zu denen sie lange Zeit keine irgendwie geartete affektive Beziehung haben. Wenn es unabwendbar ist, sich auf eine Person einzulassen, dann wird eine temporäre Beziehung mit Hand oder Fuß der Person aufgenommen als wie mit einem Objekt, aber nicht mit der Person selbst.

Alle Aktivitäten und Äußerungen der Kinder werden fest und konsequent von dem übermächtigen Wunsch
bestimmt, allein zu bleiben und alles gleich zu erhalten. Ihre Welt muss ihnen erscheinen, als sei sie aus Elementen zusammengesetzt, so dass, wenn sie etwas in einer bestimmten Reihenfolge und Anordnung erlebt haben, eine andere Reihenfolge und Anordnung nicht toleriert werden kann. Auch kann die Anordnung und Reihenfolge nicht akzeptiert werden, ohne dass die ursprünglichen
Bestandteile ihre räumliche oder chronologische Ordnung haben. Daher der zwanghafte Drang zur Wiederholung. Daher das Nachsprechen von Sätzen ohne die Pronomen anzupassen. Daher vielleicht auch die Ausbildung eines wirklich phänomenalen Gedächtnisses, das es einem Kind ermöglicht, komplexe unsinnige Muster, unabhängig davon, wie wenig geordnet sie sind, in exakt der gleichen Art, wie sie ursprünglich waren, zu wiederholen.
Fünf unserer Kinder haben nun ein Alter zwischen neun und elf Jahren erreicht. Außer Vivian S., die in eine Schule für Schwachsinnige abgeschoben wurde, zeigen sie
eine interessante Entwicklung. Der grundlegende Wunsch, allein zu sein und der Wunsch, dass alles gleich bleibt, ist im Wesentlichen unverändert geblieben, aber es hat ein unterschiedlich starkes Aufgeben der Vereinzelung gegeben, das Akzeptieren von wenigstens einigen Menschen, die im Bewusstsein des Kindes eine
Rolle annehmen, und eine zufriedenstellende Zunahme an Verhaltensmustern, die den früheren Eindruck eines begrenzten geistigen Vermögens widerlegen. Man kann
es vielleicht so sagen: Während der Schizophrene sein Problem zu lösen versucht, indem er aus der Welt aussteigt, von der er ein Teil gewesen ist und mit der er verbunden war, gehen unsere Kinder allmählich einen Kompromiss ein, indem sie vorsichtig ihre Fühler in eine Welt ausstrecken, in der sie von Anfang an absolute
Fremdlinge waren. Zwischen fünf und sechs Jahren geben sie allmählich die Echolalie auf und lernen spontan die Personalpronomen in richtiger Zuordnung zu gebrauchen. Die Sprache wird kommunikativer, zuerst im Sinne von
Frage-Antwort-Übungen und dann im Sinne größerer Spontaneität bei der Satzbildung. Nahrung wird ohne Probleme akzeptiert. Geräusche und Bewegungen
(von Anderen) werden besser als früher ausgehalten. Die Panik-Attacken legen sich. Der Wiederholungszwang nimmt die Form eines zwanghaften Beschäftigtseins an. Kontakt mit einer begrenzten Anzahl von Personen wird in zweifacher Weise aufgenommen: Personen werden in die Welt des Kindes so weit einbezogen, wie sie
seine Bedürfnisse befriedigen, seine drängenden Fragen beantworten, ihm das Lesen und das Tätigwerden beibringen. Zweitens, obwohl Personen noch als
Störung betrachtet werden, werden ihre Fragen beantwortet und ihre Aufträge widerstrebend ausgeführt, mit der Einsicht, dass es am besten ist, diese Einmischungen hinter sich zu bringen, um schneller zu dem noch sehr gewünschten Alleinsein zurückzukehren. Zwischen sechs und acht Jahren beginnen die Kinder in einer Gruppe zu spielen, doch nie mit den anderen Gliedern der Spielgruppe, aber doch am Rand neben der Gruppe. Lesefähigkeit wird schnell erworben, aber die Kinder lesen mit monotoner Stimme, und eine Geschichte oder ein Film wird eher in seinen unzusammenhängenden Teilen denn als ein zusammenhängendes Ganzes aufgenommen. All dieses bringt die Familie dazu zu meinen, dass es trotz der
erkannten Unterschiede zu anderen Kindern einen Fortschritt und eine Besserung gibt.

Es ist nicht einfach, die Tatsache auszuwerten, dass all unsere Patienten hoch intelligente Eltern haben.
Es ist gewiss, dass im familiären Umfeld recht viel Zwanghaftigkeit vorkommt. Die sehr genauen Tagebuchaufzeichnungen und Berichte und die vielen
Erinnerungen, noch Jahre später, dass die Kinder 25 Fragen und Antworten aus dem Presbyterianischen Katechismus aufsagen oder 37 Kinderlieder singen oder 18
Symphonien unterscheiden konnten, geben ein anschauliches Bild von der elterlichen Zwanghaftigkeit ab. Eine andere Tatsache fällt deutlich auf. In der
ganzen Gruppe gibt es sehr wenige warmherzige Väter und Mütter. In den meisten Fällen sind die Eltern, Großeltern und Verwandten Personen, die sich sehr mit abstrakten Themen in Wissenschaft, Literatur oder künstlerischer Art
beschäftigen und deren eigentliches Interesse an Menschen begrenzt ist. Sogar einige der glücklichsten Ehen sind eher kalte und formale Angelegenheiten. Drei
Ehen waren traurige Fehlentscheidungen. Die Frage stellt sich, ob und in welchem Ausmaße diese Tatsache den Zustand der Kinder mitbestimmt hat. Die Vorliebe der Kinder vom Beginn des Lebens an für sich zu sein macht es schwer, das ganze Bild ausschließlich auf die frühen elterlichen Beziehungen zu unseren
Patienten zu schieben.
Wir müssen dann annehmen, dass diese Kinder mit einer angeborenen Unfähigkeit, normale biologisch bedingte affektive Kontakte mit Menschen aufzunehmen, auf
die Welt gekommen sind, so wie andere Kinder mit angeborenen körperlichen oder intellektuellen Behinderungen auf die Welt kommen. Wenn diese Annahme richtig ist, kann eine weitere Studie mit unseren Kindern helfen, konkrete Kriterien aufzustellen, die die noch diffusen Bemerkungen über die konstitutionelle
Komponente emotionaler Reaktionsfähigkeit untersucht. Vorerst scheinen wir „Rein-Kultur“-Beispiele für angeborene
autistische Störungen im affektiven Kontaktverhalten
zu haben.


 


 
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