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  Warum sich Menschen mit Autismus so schwer tun, vor Zeugen zu zeigen, was sie können
 

Warum sich Menschen mit Autismus so schwer tun, vor Zeugen zu zeigen, was sie können.

 

Von Dietmar Zöller

 

Mein Freund Friedemann, Pflegevater des 16 jährigen Autisten Toni, berichtete mir in einer E Mail, dass die Kommunikation mit Toni an einem Freitag nicht klappte, als sie der Lehrerin, die einmal wöchentlich ins Haus kommt, zeigen wollten, was Toni für den Unterricht vorbereitet hatte. Friedemann schrieb: „…Für ihn selber war das heute ein anstrengender und aufregender Tag, und das Schreiben klappte im Unterricht immer schlechter, zum Schluss gar nicht mehr. Dabei wollte er sich so gut vorbereiten! Aber das gehört wohl alles mit dazu.“ Ich will kurz erklären, wie Toni kommuniziert:

Die Buchstaben, angeordnet wie eine Computertastatur, sind mit Klettband auf einer Holzunterlage befestigt. Toni wählt die Buchstaben aus, hebt jeden Buchstaben hoch und setzt so Wörter, inzwischen auch Sätze, zusammen, die sein Vater aufschreibt.

 

Ich antwortete meinem Freund:

Lieber Friedemann,

aus eigenem Erleben kann ich davon berichten, dass, wenn ich etwas besonders gut machen wollte oder wenn Mutter demonstrieren wollte, was ich gelernt hatte, nichts mehr ging. Ich kann Eure Enttäuschung  gut nachvollziehen. Wie lange liegt das alles bei uns zurück! Aber die Gefühle von damals kann ich noch immer aus meinem emotionalen Gedächtnis hervorholen. Ich erinnere mich auch daran, wie verunsichert Mutter war. Für wen hielt man sie? Eine Angeberin? Eine Mutter, die ihr Kind überschätzt? Es war alles so schwierig, und sie so allein mit ihren Zweifeln und Hoffnungen.

Dietmar 

 

Friedemann antwortete kurz und knapp:

„Dietmar, das hat mir so gut getan, so etwas von Dir zu lesen. Danke!“

Ich dachte weiter über das Problem nach und schrieb eine zweite Mail:

Lieber Friedemann,

ich soll versuchen zu erklären, warum ich als Kind nicht zeigen konnte, was ich gelernt hatte, wenn jemand zuschaute.

  1. Jede zusätzliche Person sendet durch ihr Verhalten Botschaften aus, die entschlüsselt werden müssen. Das zieht die Aufmerksamkeit von der zu leistenden Aufgabe ab.
  2. Die Wahrnehmungsverarbeitung kann in vielen Bereichen verändert sein: Z.B. können die Hörempfindungen zu stark sein. Auch visuelle Verzerrungen sind möglich. Gerüche können verstärkt wahrgenommen werden.
  3. Die Mimik des Gegenübers kann u.U. nicht gedeutet werden.
  4. Die Bezugsperson, die das Kind vorführen will, verhält sich u.U. anders als sonst, ist vielleicht unsicher, weil sie geheime oder offene Kritik fürchtet. Es ist ja eine Art Prüfungssituation, wenn ein eingespieltes Team vormachen soll, wie es arbeitet.
  5. Ich kann mich erinnern, dass sich meine Mutter anders verhalten hat, als der Psychologe mal zu Besuch kam. Ich habe sehr wohl gespürt, dass der Mann meine Mutter sehr mochte. Das hat mich abgelenkt und meine Phantasie angeregt.

Ich schrieb nach langem Überlegen noch eine dritte Mail an Friedemann:

 Lieber F.,

Ich habe noch mal nachgedacht, warum ich als Kind nicht zeigen konnte/wollte, was ich gelernt hatte, wenn jemand zuschaute. Es war vielleicht auch Unsicherheit im Spiel. Ich war auf minimale Hilfestellungen angewiesen, die auf einmal wegblieben, weil ich die Aufgabe ja allein lösen sollte. Ich war darauf angewiesen, leichte Impulse zu bekommen. Heute sprechen wir vom “Stützen”. Es war ein motorisches Problem, das mich zaudern ließ.  Ich kam nicht in Gang, wenn ich nicht angestoßen wurde. Es kommt mir so vor, als gebe es bis heute eine Gegenkraft, die ich überwinden muss, bevor ich eine Aktion initiieren kann. Die winzigen Hilfestellungen zu geben, kann eine fremde Person kaum lernen. Das ist Intuition. Das kann man auch nicht vormachen oder demonstrieren. Es ist geradezu eine intime Angelegenheit. Darum liegt das Hauptproblem vielleicht doch bei der “stützenden” Person, die sich geringfügig anders verhält und damit eine Blockade verursacht.

Friedemanns Antwort:

Dietmar,

Toni saß beim E Mail abrufen wieder neben mir. Noch während ich beim Lesen war, fing er an unruhig zu werden, und das steigerte sich immer mehr. Es war aber ihm möglich, trotzdem etwas zu schreiben.

Toni schrieb:

ICH BIN SO AUFGEREGT,

WEIL DIETMAR AN AUTISTEN DENKT

UND AUS MEINER SICHT ALLES SO MIT AKRIBIE BESCHRIEBEN HAT,

WIE ES IN PAPA INNERLICH AUSSAH!

 

PAPA

DU BIST IN MIR EIN ANTREIBER,

UND EIN ERMÖGLICHER!

Vielen Dank; Dietmar, Du hast mit Deinen Gedanken voll ins Schwarze getroffen!

 

 
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