dietmarzoeller
  Mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau zum Baikalsee
 


Mit
der Transsibirischen Eisenbahn
Von
Moskau zum Baikalsee
Von
Dietmar Zöller
 
22.08. 2014
Zu Hause angekommen und doch noch nicht da. Kann es denn
sein, dass mein langjähriger Traum in Erfüllung ging? Kann es sein, dass ich in einem kleinen Schiff auf Deck saß und den Wellen des Baikalsees zugeschaut habe? Die Sonne brannte heiß und der laue Wind tat gut auf der Haut. Ja, ich war da. Es stimmt und ich habe eine so weite Entfernung mit Hilfe der transsibirischen Eisenbahn überwunden und erlebt, was es heißt Zeit zu durchfahren. Ich bin wieder zu Hause, weil uns ein Flugzeug von Irkutsk nach
Moskau zurück brachte. Der Flug dauerte sieben Stunden, die Eisenbahnfahrt hatte vier Tage und Nächte in Anspruch genommen. Dass das alles nur 14 Tagegedauert hat, ist unbegreiflich. Ich bin am Ende meiner Reiseträume angekommen.
Niemals habe ich damit gerechnet, dass meine Eltern wirklich diese Reise mit mir machen. Wenn jetzt noch Reisen gemacht werden – ich bestehe nicht darauf – dann sind das Zugaben, die ich eigentlich nicht verdient habe. Was mir geschenkt wurde, ist sagenhaft. Was ich sehen und erleben durfte – und das mit schwerer Behinderung – ist wie ein Wunder. Geschenke über Geschenke!
Ich schenkte Warwara, der jungen russischen Reiseleiterin, mein Buch „Kathrin ist autistisch“. Sie hatte erst wenige Seiten gelesen, da konnte sie nicht darüber reden, ohne zu weinen. Sie hat eine zweijährige Tochter. Mal abwarten, ob sie mir schreibt. Warwara wohnt in der Nähe von Irkutsk. So habe ich die autistische Botschaft bis nach Sibirien getragen.
Und nun meine Tagebuchaufzeichnungen der Reihe nach:
Ich habe die Texte Wort für Wort meiner Mutter diktiert und sie hat alles in ein kleines Büchlein geschrieben. Bleibt zu hoffen, dass sie ihre eigene Schrift wieder lesen kann.
11.08.
Die Reise mit der Transsib hat begonnen - und die
Desillusionierung, die zwangsläufig kommen musste, war mit einer
unbeschreiblichen Müdigkeit verbunden.
Ich hatte so viel Tavor bekommen, dass ich kaum den Fußweg vom Bus ins Bahnabteil geschafft habe. Warum mussten wir vorher den
Kreml besuchen? Das ging mir gegen den Strich. Im Kreml war ich schon mal. Auch wenn das 20 Jahre her ist, hatte ich genaue Erinnerungen daran. Ich wollte nur schnell nach Sibirien. Das war es. Ich flippte aus. Aber da gab es noch andere Gründe. Vater vergaß seine Tasche im Hotel und musste noch einmal zurücklaufen,
während alle im Bus warteten. Später kam heraus, dass ich kein Olanzapin bekommen hatte. Die Zeitverschiebung hatte meinen Körper falsch programmiert.
Aber ich kam heil in der Transsib an und suchte mir sofort eine Liegefläche, um meine müden Augen schließen zu können. Trotz Müdigkeit nahm ich Warwara wahr, unsere junge Reiseleiterin, die erst jetzt zu uns gestoßen war.
Inzwischen gab es Mittagessen am späten Nachmittag. Ich
war ausgehungert und fast verdurstet. Wir halten gerade an, Vater ist
ausgestiegen. Ich aber bin faul und bewege mich nicht von der Stelle. Morgen will ich aktiver sein. Aber unwirklich ist alles. Ich reise durch Sibirien und beschränke mich auf kleinstem Raum. Auch wenn wir zu Dritt ein Abteil für uns haben, ist der Platz begrenzt. Ich staune, dass wir freiwillig mit so wenig Platz vorlieb nehmen. DieToilettenverhältnisse sind sehr bescheiden. Vier Tage und Nächte steht uns nur ein Miniwaschbecken für die Körperpflege zur
Verfügung. Am Ende werden alle stinken, denn duschen kann niemand. Ich nehme das alles auf mich, weil ich mir einen Traum erfülle. Ich wollte schon lange Sibirien kennen lernen. Das könnte die Krönung unserer vielen Reisen werden.

12.08.
Erste Nacht im Waggon hinter mich gebracht. Es ist, als schliefe ich im Campingbus. Darum habe ich keine Probleme, hoch- und runter
zusteigen. Mein betagter Vater tut sich schwerer, aber er schafft den Kraftakt mit Bravour. Die Toilette ist bescheidener als Toiletten im deutschen ICE. Das Waschbecken ist so winzig, dass man gar nicht in die Versuchung kommt sich zu waschen. Damit Wasser läuft, muss man von unten dagegen schlagen.

Wir halten an, und wenn es weiter geht, dann sind zwei Stunden vergangen. Das ist die Zeitumstellung. Es ist nun 12.40 Uhr, vor
wenigen Minuten war es 10.40. Die Pünktlichkeit der Transsib ist
bewundernswert. Meist kommen wir zwei Minuten vor der Zeit beim Zielbahnhof an.
Die deutsche Bundesbahn sollte sich daran ein Beispiel nehmen.


Eine Reise mit der Eisenbahn ist eigentlich langweilig.
Die Bilder, die das Auge nicht festhalten kann, sind gleichbleibend bzw. wenig verändert. Die Dörfer sind zwar farbig, aber trotzdem trostlos. Die Menschen scheinen arm zu sein. Vielleicht machen sie sich aber auch wenig aus Komfort.
Ich gucke schon gar nicht mehr raus, sondern döse liegend vor mich hin.
13.08.
Eine Nacht in Sibirien geschlafen. Der Zug wiegte mich in
den Schlaf. Man gewöhnt sich an das Schaukeln, und wenn der Zug hält, wacht man auf und wartet darauf, dass der Schlummer wiederkehrt. Morgens ein Blick aus dem Fenster. Wenig Abwechslung in der Landschaft. Birken, Birken und noch mal
Birken. Menschenleere Gegend. Nur dann und wann einige Häuser, bunt angestrichen, aber eher Schuppen. Viel anbauen können hier die Menschen offensichtlich nicht.
Morgens um 6 Uhr fängt das Leben an. Keiner wollte warten, bis die winzige Toilette besetzt war. Mehr als Katzenwäsche ist nicht
drin. Aber man gewöhnt sich an die bescheidenen Verhältnisse. Was haben wir eigentlich davon, dass wir uns durch Sibirien schaukeln lassen? Ohne Zeitgefühl döse ich vor mich hin und weiß nicht, ob ich glücklich oder unglücklich bin.
Frühstück mit Warwara, die erst 25 Jahre alt ist. Sie will sich als
Reiseleiterin selbstständig machen.
Langeweile
Wo weile ich?
Am Ziel der Träume,
oder doch nicht?
Kein Blick aus dem Fenster,
die Augen halten nichts fest.

Die Zeit eilt
im Zug
davon.
Wo wollen wir hin,
wir Unersättlichen?

Sibirien

war mal ein Traum,
nun
bin ich da,

aber
nirgendwo angekommen.


Sibirien
Ich träume von der Zeit,
die nie aufhört
und mich wie im Taumel
fortreißt.
Wie komme ich dazu
vom Ende aller Zeiten zu träumen?

Meine Zeit geht dahin und endet
irgendwann.

 Die
Fremden

Sie reisen mit uns
viele Tage.
Ich kenne keine Namen,
nur Gesichter,
die noch nichts sagen.
Warum stellt man
sich nicht vor,
bleibt allein und
unnahbar?

14.08.
Haare waschen in der Transsib
Wie macht man das im winzigen Klo der Transsib? Mutter
holt eine Thermoskanne und heißes Wasser aus dem Samowar, füllt die Flasche mit Mineralwasser auf und verschwindet für gefühlte 10 Minuten. Danach kommt sie zurück, nass wie eine Katze und muss sich erst mal umziehen. Haare frottieren mit einem Handtuch, nicht größer als ein Waschlappen. Es geht. Aber wenn ich
ehrlich bin, sehe ich keinen großen Unterschied zu vorher. Man muss sich zu helfen wissen und sich einbilden können, man sehe nun gepflegter aus als vorher.


Eisenbahnromantik
Die Träume sind bunter
als die Wirklichkeit.
Ich warte und warte
und weiß nicht
worauf.
Die Träume sind
spannender als das,
was ich erlebe.

Ich liege in der Koje
und warte und warte
auf das Essen,
das ohne Liebe gekocht wird.

 Helene
Fischer aus Krasnojarsk

Atemlos
rennt Helene Fischer
aus Krasnojarsk
über die Bühne und
träumt vom Jennissey,
den sie vielleicht noch nie gesehen hat.

Atemlos
wirkt die Stadt

mit den imposanten Hochhäusern,
in denen Menschen leben
wie du und ich.

Wer
weiß in Deutschland,

woher Helene Fischer kommt? 

Mittagessen oder Abendessen in der
Transsib


Maiskübel auf
Erbsenkübel öffnen.
Maiskübel auf
und das jeden Tag.

Auf jeden Teller ein Schlag,
mal mit Reis,
mal mit Nudeln
oder
Kartoffelpürre.

Undefinierbar
das Fleisch

an manchen Tagen.
Gewürze werden nicht verwandt,
aber
Salz und Pfeffer stehen auf dem Tisch.

Die Suppe scheint zu schmecken,
meiner Mutter jedenfalls.
Sie isst meine mit,
lässt aber alles andere stehen
wie etliche Mitreisende auch.

Ich will ja nicht meckern,
aber
ich habe schon besser gegessen.



Exkurs aus meinem Tagebuch vor der Reise
26.07.
Wenn ich an die Reise denke, bin ich zuversichtlich, dass alles klappt. Ich bin gespannt und freue mich auf neue Eindrücke. Ich werde noch einmal einen Bericht schreiben und dann Abschied von Reiseabenteuern nehmen. Aber der Abschied fällt schwer, denn ich habe gemerkt, wie viel es mir bedeutet, mich auf eine Reise freuen zu können. Wenn es möglich ist, dann möchte ich noch mal….nein, das ist ein Widerspruch. Die zweite Reise nach Grönland werde ich in der Fantasie machen. Aber in kleine Boote steige ich nicht mehr, eher in ein Kreuzfahrtschiff.
Ich bin ungeduldig und möchte endlich Reiseunterlagen
sehen.

Wenn ich in diesem Jahr einen Reisebericht schreibe, dann ist das etwas Besonderes, denn vor zwei Jahren beschlossen wir, nicht mehr zu reisen. Aber nun sieht es anders aus und ich erlebe es als Wiedergeburt, dass wir noch einmal aufbrechen.

Ein Traum:
Ich sitze auf meinem Bett in der Transsibirischen
Eisenbahn und lasse die sibirische Steppe an mir vorbeiziehen. Meine Gefühle schwimmen dahin und tragen mich fort in ein anderes Leben. Ich sehe eine gebeugte, alte Frau auf einem Feld. Schnell verschwindet sie aus meinem Gesichtsfeld. „Das war meine Oma.“ Sollte sie in Sibirien weiterleben? Nein, das ist unmöglich.
Überall gibt es Menschen wie meine Oma, die im Alter noch arbeiten. Ich sehne mich nach meiner Oma, die mich geliebt hat und die nun schon einige Jahre tot ist.

Der Zug hält, wir steigen kurz aus, um uns die Füße zu vertreten. Die Mitreisenden von tourvital beäugen mich misstrauisch. „Was sind
das für Leute, die mit so einem Sohn auf Reisen gehen?“ Sie werden es noch merken, wer ich bin. Ein Signal mahnt, dass es weitergeht. Ich bin glücklich.


27.07.
Ich habe überlegt, dass ich noch etwas über Sibirien
lesen will. Wie wäre es mit Solschenizyn? Ich möchte wissen, was das mit den Lagern auf sich hatte. Was waren das für Menschen, die in sibirische Lager verbannt wurden? Ich muss noch mehr über historische Hintergründe erfahren.
Ich kann mehr Russisch, als Mutter denkt. Wenn ich nur deutlicher reden könnte.

28.07.
Ich meine, dass Alexander Solschenizyn ein großer Schriftsteller ist. Er kennt die russische Seele und vermag es, anschaulich
Charaktere darzustellen. Das Krankenhaus ist die Gesellschaft, die marode wurde und in der nur wenige so arbeiten wie jene Ärztin, die versucht, einen Funken Menschlichkeit zu bewahren. Wie können wir in ein Land fahren, in dem die Unmenschlichkeit zu Hause war? Was werde ich erleben auf diesem Hintergrund?
Die Gesellschaft als Krebsstation, aus der nur einer entkommt.


1.08.
Ich bin beruhigt und zuversichtlich. Nun geht alles
seinen Lauf und ich bin sicher, dass es klappt. Ich fühle mich stark.
2.08.
Die Träume verfolgen mich und werden chaotisch. Ich liege
oben auf dem Etagenbett und höre das gleichmäßige Geräusch der Eisenbahn. Meine Eltern schlafen fest. Wo sind wir gerade? Unwirklich ist alles. Warum machen wir das? Wollen wir angeben? Nein. Es war eine Entscheidung, aus Verzweiflung geboren. Aber der Trick war gar nicht schlecht. Ich bin der Verzweiflung entronnen. Ich frage mich nun, wie die Mitreisenden mich annehmen werden. Muss
ich wieder ein Brieflein schreiben?
Ich träume von Lena, die nach den Reiseunterlagen unsere
Reiseleiterin werden soll. Sie hat bestimmt Freude, dass ich so viel Russisch gelernt habe. Ich bin stolz auf mich, dass ich so etwas kann - ohne Antreiberin. Wenn ich etwas will, dann geht es auch.
3.08.
Wenn ich träume, dann sehe ich die sibirische Landschaft
deutlich vor mir. Ich schwelge in poetischen Gedankenfetzen und kann sie noch nicht sinnvoll zusammensetzen. Dass ich das erleben darf, habe ich nicht erwartet. Noch einmal breche ich mit meinen alten Eltern zu neuen Ufern auf.
Mein
Brief für die Mitreisenden:
Liebe Mitreisende,
ich möchte mich Ihnen vorstellen und damit evtl. Fragen zuvorkommen. Ich heiße Dietmar Zöller, bin 1969 geboren und gelte als autistisch. Heute spricht man von Autismus-Spektrum-Störung. Meine aktive Sprache ist entscheidend gestört, nicht aber mein Sprachverständnis und meine schriftliche Ausdrucksfähigkeit. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich auf Kontaktangebote nicht adaequat reagiere. Ich freue mich, wenn Sie mich
nicht übersehen und mich am Gruppenleben teilhaben lassen. An manchen Tagen brauche ich starke Beruhigungsmittel und wirke dann, als wäre ich abwesend. Ich bekomme trotzdem alles mit und genieße, was ich erlebe. Meine Eltern sind stets bereit, Fragen zu beantworten und ich habe kein Problem damit, wenn über meine
Behinderung geredet wird. Schließlich habe ich die autistischen Verhaltens- und Beziehungsstörungen in etlichen Veröffentlichungen zu erklären versucht.
Dietmar Zöller

16.08.

Nach vier Tagen und Nächten in der Transsib hatte ich genug von der Eisenbahnromantik. Aber weit gefehlt. Wir stiegen um in die Baikalbahn und fuhren eine weite Strecke bis zum Endbahnhof. Wir sahen das Baikalmeer durch schmutzige Scheiben und ich bekam
wenigstens einen Eindruck vom Ziel meiner Träume. Eine überfüllte Bummelbahn. Unzählige russische Familien mit viel Gepäck und ganzen Säcken voll Proviant für ein Picknick. Überzählige Kinder wurden von einer resoluten Schaffnerin in die Gepäckablagen befördert. Später ließen sich auch weniger beleibte junge
Muttis zum Schlafen auf den Ablagen, die wohl nicht nur für das Gepäck gedacht waren, nieder. Die Bummelfahrt zog sich
und zog sich. „Sind wir nicht bald da?“ fragten ungeduldige Mitreisende. Am Ende war viel Platz in der Bahn, so dass sich auch Leute aus unserer Gruppe schlafen legten. Als wir einmal anhielten, kaufte Warwara, unsere junge Reiseleiterin, Hefegebäck für alle. Das schmeckte vorzüglich und nach mehr. Ich horchte auf die Gespräche der russischen Fahrgäste, verstand manchmal ein einzelnes Wort,
aber nicht mehr. Schade, man hätte ins Gespräch kommen können. „Gdje tualet“,fragte unhöflich meine Mutter die Schaffnerin, und ich verbesserte: „Isvinitje, gdje tualet?“Aber mehr fiel mir auch nicht ein. All die schönen Übungssätze, die ich mir eingeprägt hatte, waren wie weggeblasen. Nach der langen, sehr langen Fahrt am Baikalsee entlang bis zum Endbahnhof mussten wir ein Museum
besuchen, wo Warwara uns die Geschichte der Baikalbahn erklärte. Mit einer Fähre überquerten wir dann eine schmale Stelle des Baikalsees. Autos warteten auf uns und brachten uns zum Hotel. Ich fiel ins Bett und war kaum noch einmal wachzukriegen für eine Dusche, auf die ich mich nach vier Tagen der Enthaltsamkeit so sehr gefreut hatte. Und was machte Mutter wenig vor Mitternacht? Sie begann Wäsche zu waschen, nachdem sie das „Rei in der Tube“
nach langem Suchen gefunden hatte. So erzählte es mein Vater. Ich schlief ja schon und hatte nichts mitbekommen. Mitbekommen hatte ich aber noch, dass das dritte Bett fehlte. Ein bärbeißig aussehender Mann erklärte uns, das Bett befinde sich im Sofa. Wir verstanden das zunächst falsch und wähnten, ich solle mich auf dem kleinen Sofa zusammenrollen. Vater entdeckte später in dem Sofa ein ausklappbares Reisebett. Nun fehlte aber immer noch die Bettwäsche. Die hübsche Asiatin vom Empfang behauptete, die Wäsche befände sich im Schrank.
Keinerlei Hilfestellung. Wir mussten das Bett selbst bauen. Das Reisebett hatte Schlagseite, war kaputt. Vater opferte sich und schlief unbequem, während ich mich neben Mutter ausbreitete. Aber wir halten ja zusammen bei solchen belanglosen Pannen.


Die Fahrt auf dem Baikalsee
Das war der Baikalsee meiner Träume. Mit dem kleinen Schiff eine ausgedehnte Rundfahrt gemacht und dabei, was ich sah, mit meinen Träumen verglichen. Das war es, wovon ich träumte. Nun bin ich zufrieden und weiß, warum ich die weite Zugfahrt auf mich genommen habe. Das Meer ruht und die Wellen sind vergleichbar
einem Waschbrett. Ruhig gleiten wir dahin. Eine kühle Brise streift meinen Rücken, während meine Augen versuchen, das Ufer zu fassen. Aber am schönsten ist es, wenn ich meine Wahrnehmung auf die Weite des Meeres beschränke. Ich wundere mich über diese Schöpfung inmitten Sibiriens. Wenn ich doch mehr von den Menschen verstehen könnte. Ich wollte ein Russe werden und etwas für die Völkerverständigung tun. Warum kann Putin nicht veranlassen, dass die Separatisten ihre Ziele aufgeben. Sie sind doch Russen und haben Herz und Verstand. Ich bin in Russland, aber nicht wie meine Vorfahren in Feindes Land.
Wir sitzen auf einer Bank am Rand eines Spielplatzes. Mütter spielen mit ihren Kindern genauso herzlich, wie es unsere Nachbarn zu Hause tun.
Eindrücke im Dorf, wo wir auf unser Schiff warteten:
Man glaubt es nicht, dass es in Sibirien so heiß sein kann wie bei uns im Sommer. Die Menschen genießen die wenigen heißen Tage und
tragen Sommermode wie an den Stränden in südlichen Ländern. Die jungen, hübschen Russinnen sehen in jeder Mode proper aus, aber die älteren Herrschaften… Wie kann man nur so aus der Form geraten? Aber die Menschen scheinen das mit Fassung zu tragen und bewältigen offensichtlich, was sie zu bewältigen haben. Frauen schleppen schwere Einkaufstüten keuchend weite Wege.
Ich habe diesen Tag genossen und brauchte einen langen,
erholsamen Mittagsschlaf. Nun fühle ich mich zwar fit, habe aber Durchfall, so dass ich nur trocknes Brot als Abendessen gehabt habe. Hungrig bin ich nicht.
Ich bin gespannt, wohin wir morgen fahren werden. Ich bin auf jeden Fall dabei, wenn wir im Nationalpark wandern werden. Bitte, keine Ausnahmen mehr. Sonst sind wir die Außenseiter schlechthin. Ich habe Tee getrunken und ich habe gemerkt, dass das gut tut. Ich werde es wiederholen.
17.08. (Sonntag)
Ich habe den Sonntag vermasselt, weil ich das Programm nicht mitmachen wollte. Ich habe Angst vor Durchfall. Dann gibt es noch ein Problem. Ich kenne nicht alle Mitreisenden, weil es keine Vorstellungsrunde gab. Ich war es gewohnt, dass am Anfang der Reise jedes Mitglied sich vorstellt. Ich konnte stets gut Gesicht und Namen mir einprägen und kannte dann die Leute. Am 7. Tag der Reise saßen völlig Unbekannte am Frühstückstisch. Ich war irritiert und suchte vergeblich nach vertrauten Gesichtern. Ich sprang auf
und wollte nur noch raus. Peinlich. Zum Klo musste ich auch nicht, wie man hätte annehmen können. Was machen wir nun? Mama und ich allein zurückbleiben? Vater mit der Gruppe ziehen lassen? Allein mit Mutter – wenig attraktiv. Am Ende blieben wir zu Dritt und suchten uns einen Platz mit schöner Aussicht auf den Baikal. Ich brauche heute Ruhe, muss mich vom Jetlag erholen. Die Zeitumstellung ist irritierend. Frühstück um 9.00 Uhr, bei uns zu Hause ist es 2.00 morgens. Normalerweise schlafe ich dann ruhig und bekomme keine Medikamente.
Inzwischen ist es 12.00 Uhr. Zu Hause würde ich mich noch
mal umdrehen und weiterschlafen. Verkehrte Welt. Ich möchte schlafen gehen. Vater ist soeben auf der Bank neben mir eingenickt.


18.08.
Ein schlechter Tag für mich. Ich fürchte, dass die Zeitverschiebung meine medikamentöse Behandlung durcheinander gebracht hat. Ich
konnte mich nicht beherrschen und bin schon beim Frühstück ausgerissen.
Abwechselnd haben Vater und Mutter mich draußen beaufsichtigt wie ein Kleinkind. Dann brachen wir mit einem Bus nach Irkutsk auf. Bei einem Freilichtmuseum machen wir Halt. In dem kleinen Dorf waren alle alten Gebäude aus dem Baikalgebiet aufgebaut worden. Warwara gab uns eine kundige Führung.
Sie kennt sich in der Gegend gut aus. Ihre Eltern wohnen in der Nähe von Irkutsk. Interessant fand ich, was sie aus ihrer Familiengeschichte preis gab. Sie erzählte von ihrer Oma, deren Familie in der Nähe von Moskau ein reiches Anwesen besessen hatte. Im Zug der sowjetischen Revolution 1917 wurde die
Familie enteignet und musste nach Sibirien emigrieren. Es waren etwa 50 Personen, die sich auf den Weg machten. Sie besaßen nichts mehr als zwei Kühe. An einem Ort, wo es noch keine Siedlung gab, begann die Großfamilie ein kleines Dorf aufzubauen. Sie wurden dort geduldet, obwohl für sie ein anderer Ort
vorgesehen war. Aber sie hatten abermals fliehen müssen, weil sie von der Polizei verfolgt wurden. Warwaras Oma hat später diesen Ort noch einmal aufgesucht. Ein Verwandter fuhr mit ihr los, und sie fanden die Überreste der kleinen Siedlung. Warwara hatte Tränen in den Augen, als sie die Geschichte erzählte.
Das Museumsdorf hatte eine Schule mit einem eingerichteten Klassenzimmer. Die Lehrer mussten, wenn sie keinen Unterricht
hielten, sich mit den Leuten im Dorf beschäftigen, z.B. Unterhaltungsprogramme organisieren. In einem anderen Bauwerk war das Bürgermeisteramt eingerichtet. Es gab eine Küche für die, die von weit her kamen und etwas zu regeln hatten.
Im Ausnahmefall bekam man ein Notlager für die Nacht. Wichtigster Mann war der Schreiber. Er verdiente mehr als der Bürgermeister, denn von ihm waren die Leute abhängig, weil sie nicht lesen und schreiben konnten. Einen alten Bauernhof besichtigten wir auch, Alles war gut erhalten und man konnte sehen, mit welchen Gerätschaften gearbeitet wurde. Vor einem Gebäude saß eine Wärterin in hübscher Kleidung und spielte auf einem Instrument, das einer Laute ähnlich sah. Sie sang auch dazu. Wir haben als Erinnerung eine CD gekauft. Ich sammle schon seit Jahren Musik aus den Gegenden, in denen wir unterwegs waren.
Russische Folklore gefällt mir seit unsere Russlandreise 1994.

Die Japaner, die das Museumsdorf bevölkerten, wurden zu
einer Plage. Sie drängten sich z.B. ohne Rücksicht in einen kleinen Raum, in dem wir den Ausführungen Warwaras lauschten. Ich bekam Platzangst und musste so schnell wie möglich den Ort zu verlassen versuchen. Irgendwann hat wohl doch jemand gemerkt, dass man mir Platz machen musste. Die japanischen Erklärungen aus einem Lautsprecher übertönten alles. Dagegen konnte Warwara nicht anreden.


In Irkutsk angekommen. Mit Mutter sitze ich allein im
Hotel. Wir ernähren uns von spärlichen Resten, die wir vom Frühstück einpackten. Alle anderen essen in der Stadt. Wir hätten mit dem Taxi auch in das Restaurant fahren sollen. Es ging nicht. Ich war außer mir. Jetzt geht es besser. Mutter hatte die gute Idee, mir eine halbe Olanzapin zusätzlich zu geben. Das war es. Ich bin beschämt, dass es mal wieder passiert ist, dass Mutter allein mit mir zurückbleiben musste.


19.08. (Ust-Orda)
Besuch in einer Burjatensiedlung
Etwa 70 km von Irkutsk entfernt gibt es den Ort Ust-Orda. Dort wohnt in einiger Abgeschiedenheit eine Gruppe von Burjaten, die dem
Schamanismus anhängen. Es sind die Westburjaten. Die Ostburjaten leben östlich vom Baikalsee und sind Buddhisten. Die Menschen sehen mongolisch aus. Ich wurde sehr an unsere Mongoleireise vor 10 Jahren erinnert.

Der Empfang war herzlich und bedeutsam. Auf dem Weg zum
Dorf wurden wir mit einem kleinen Feuer willkommen geheißen. Ein Burjate in Tracht machte uns vor, wie Männer sich reinigen, bevor sie das Dorf betreten. Sie müssen mit dem rechten Bein und dann mit dem linken Bein über dem Feuer eine Bewegung nach innen machen. Die Frauen werden angehalten, die Bewegung mit den Armen zu vollziehen. Im Dorf gab es eine Einführung in die Lebensweise der Menschen. Warwara übersetzte alles. Die Burjaten leben nicht isoliert, sondern in friedlicher Gemeinschaft mit Russen, Weißrussen, Ukrainern, Mongolen, Jakuten u.a. Die Wärterin sprach von 86 verschiedenen Völkerstämmen, die hier friedlich beieinander leben. Während die Ostburjaten einen eigenen Staat innerhalb der russischen Föderation bilden, sind die Westburjaten in der Region
Irkutsk eine eigenständige Verwaltungseinheit. Sie leben nach alten
Traditionen, die von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Die Familie ist von großer Bedeutung. Jeweils der jüngste Sohn muss die alten Eltern bei sich aufnehmen und erbt das Haus der Eltern. Wenn es keinen Sohn gibt, erbt die jüngste Tochter, zu der dann die alten Eltern ziehen, d. h. dass die Eltern in eine fremde Familie kommen, denn die Tochter wurde durch Heirat Teil einer fremden Familie. Den Schmuck erbt die jüngste Schwiegertochter, die Teil der Familie geworden ist. Es kann nie Erbschwierigkeiten geben, weil alles geregelt ist. Beeindruckend ist der gelebte Schamanismus, eine Art Geisterglaube mit viel Hochachtung vor der Natur und viel Hochachtung vor Menschen mit weißen Haaren. In einer geräumigen Jurte bekamen wir von einem Schamanen eine anschauliche Vorstellung, was den Schamanismus ausmacht.

Männer und Frauen mussten in der Jurte getrennt sitzen.

Es gibt ein großes Fest der Burjaten, das aus religiösen und sportlichen Aktivitäten besteht. Einige Elemente werden uns mit viel Gesang und Tanz vorgeführt. Es fehlten natürlich die Auftritte der Reiter. Dafür hätte es da, wo wir uns befanden, nicht genug Platz
gegeben. Eindrucksvoll war der Tanz von zwei Personen, einem jungen Mädchen in malerischer Tracht und einem jungen Mann in ansehnlicher, reich geschmückter Kleidung. Am Ende wurden wir alle in einen Tanz einbezogen. Solche Tänze drücken Gemeinschaft und
Zusammengehörigkeit aus. Man hat den Eindruck, dass hinter allem Geschehen eine symbolische Bedeutung verborgen ist. So wurden wir mit reichem Segen und vielen guten Reisewünschen verabschiedet. Ich war sehr beeindruckt und fühlte mich in
die Mongolei versetzt. Dort hatte ich vor 10 Jahren ähnliche Erlebnisse gehabt.
Der mongolische Einfluss zeigte sich deutlich in der Musik, die auf alten Instrumenten, begleitet mit Gesang, zum Besten gegeben wurde. Manche Melodien hatte man uns in Karakorum vorgespielt. Ich erinnerte mich genau, besitze auch CDs, die wir damals kauften.
Nachwort:
Ich kann noch nicht  sagen, ob die Reise eine gute Reise war. Ich bin aber mehr und mehr zufrieden mit der Reise. Wir haben die
Wirklichkeit Russlands kennengelernt. Die Menschen dort leben einfach. Wir sind verwöhnt. Darum will ich nicht mehr darauf hinweisen, dass das Essen in der Transsib sehr einfach und wenig schmackhaft war.
Es gab bleibende Eindrücke in der Region um den Baikalsee. Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn war wenig komfortabel,
aber hatte doch einen gewissen Reiz. Die vier Tage und Nächte haben mich angeregt, über die Zeit nachzudenken. Alles hat seine Zeit, aber es gibt auch Endpunkte, wo es nicht weitergeht und das Leben stillzustehen scheint. So empfinde ich im Augenblick mein Leben. Ich bin nicht weiter gekommen, habe eher Rückschritte gemacht. Die Impulssteuerung ist schwieriger geworden. Damit mache ich meinen Eltern das Leben noch schwerer, als es ist. Ob wir noch einmal verreisen können, steht in den Sternen. Meine Eltern können nicht mir zuliebe immer weiter Strapazen auf sich nehmen, für die sie zu alt geworden sind.


 


 


 
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