Dietmar Zöller

Meine Oma



Lina
 
Ein Leben in einem ostwestfälischen Dorf (1914-1952)
 
Er blickte aus dem Fenster auf das Haus gegenüber, in dem seine Oma aufgewachsen war. Im Schlafzimmer lag Lina, 92 Jahre alt. Nach einem Schlaganfall war sie halbseitig gelähmt, konnte nicht mehr sprechen und wurde durch eine Magensonde ernährt. Er war traurig und empfand eine große Liebe für die hilflose Frau, die wie ein Baby versorgt werden musste. Da drüben war sie Kind gewesen, und Zeit ihres Lebens war sie von ihrem Elternhaus nur durch eine Wiese getrennt gewesen. Nun ging ihm alles wieder durch den Kopf, was er über seine Oma wusste. Er hatte immer gut zugehört, was sie erzählt hatte. Sie hatte sogar etwas über ihr Leben aufgeschrieben, nachdem ihre älteste Tochter sie darum gebeten hatte.
 Diese kleine Welt, dachte er. Das ganze Leben hatte sich in diesem kleinen Dorf abgespielt. Er begann in Gedanken Linas Leben aufzuschreiben, wohl wissend, dass alles, was er formulierte, auch anders gedeutet werden könnte.
 
Lina und Hanna


Sie guckte mit großen blauen Augen in die Welt. Sie mochte ungefähr 5 Jahre alt sein, als das Foto gemacht wurde. Neben ihr stand ihre drei Jahre ältere Schwester Hanna. Beide Mädchen hatten schulterlanges blondes Haar.
Hanna besaß eine bildschöne Puppe mit einem wunderschönen Gesicht. Diese Puppe durfte Lina nicht berühren. Nun fand Lina die Puppe auch sehr schön und viel hübscher als ihre eigene Puppe. Eines Tages, als Hanna gerade nicht in Sichtweite war, wagte es Lina, die Puppe vorsichtig von der Kommode zu nehmen, wo sie gewöhnlich ihren Platz hatte. Vorsichtig trug sie die Puppe im Zimmer herum, als plötzlich Hanna hereinkam. Hanna schrie auf, entriss ihrer Schwester die Puppe und bekam einen Tobsuchtsanfall. Schließlich nahm sie die Puppe und schlug sie Lina um die Ohren. Lina wusste nicht, wie ihr geschah und begann zu weinen. Aber wie sah die Puppe aus. Das hübsche Gesicht aus Porzellan war gesplittert. Wie die Geschichte ausging, ist nicht überliefert.


 
Als Hanna schon 10 Jahre alt war, wurde sie einmal von ihrem Vater, dem Schuhmacher, geschickt, um Schuhe wegzubringen. Lina durfte auch mitgehen. So zogen dann die beiden Mädchen zu Fuß los, um die 5 km lange Strecke bis zur Stadt zurückzulegen. Die alte Frau Korte erwartete sie. Freundlich kam sie den Kindern entgegen und bat sie ins Haus. „Ach, ihr seid ja immer noch so dünn! Zeigt mal eure Beine her! Wie Strickelstöcke. Wirklich! Da kann man ja Mitleid bekommen.“ Verschämt schauten die Mädchen ihre dünnen Beine an und versuchten schnell zu entkommen. „Do go ok nich mer hen“, sagte Hanna.
 
Linas Patentante
Lina hatte eine interessante Patentante. Sie wurde von allen Fräulein Krieger genannt. Bei ihr hatte Linas Mutter das Nähen gelernt, und weil Minna ihr Lieblingslehrling gewesen war, wurde Fräulein Krieger Patin für Minnas zweites Kind. Fräulein Krieger lebte nach dem Tod ihrer Mutter allein, und als sie alt und gebrechlich wurde, war ihre Einsamkeit groß. Sie kam gern zu Minnas Familie, weil es dort immer etwas zu tun gab. Viel konnte sie nicht tun, denn ihre Augen machten ihr große Probleme. Auch als sie noch jünger gewesen war, hatte sie wegen ihrer Augen ein auffälliges Aussehen. „Die hat ein Kuhauge“, sagten die Leute. Manchmal sah es so aus, als wollte das rechte Auge herausspringen. Das sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Lina hatte sich an das merkwürdige Aussehen ihrer Patentante gewöhnt und hing an ihr. Über kleine Geschenke, die Fräulein Krieger mitbrachte, freute sie sich sehr.
 
 
Der Bruder
Lina und Hanna bekamen einen Bruder, als Lina fünf Jahre alt war und Hanna schon zwei Jahre in die Schule ging. Die beiden Mädchen bekamen die Aufgabe, den Verwandten Bescheid zu sagen, dass das Kind geboren war. Lina war so begeistert, dass sie allen erzählte: „Use Fritz sall Lehrer oder Pastor wern“, was natürlich überall Heiterkeit auslöste. Minna hatte ihr drittes Kind zu Hause zur Welt gebracht. Wie es damals üblich war, hielt nach der Geburt eine Frau bei Minna Wache, denn sie durfte nicht einschlafen. Als Fritz getauft wurde, war seine Mutter nicht dabei. Eine Wöchnerin durfte so bald nicht das Haus verlassen. Dann kam Minnas erster Kirchgang nach der Niederkunft. Der Pastor begrüßte sie öffentlich und sprach ein Gebet für sie. So war das immer. Minna war an diesem Tag überglücklich, denn sie spürte, wie dankbar ihr Mann war und wie er sich ihr freundlich zuwandte und sie sogar etwas zu verwöhnen begann.
Der kleine Fritz entwickelte sich prächtig, und sein Vater sah in ihm einen Erben für die Schuhmacherwerkstatt, in deren Ausstattung er viel Geld investiert hatte. Ihn drückten beträchtliche Schulden, worüber er aber nicht mit seiner Frau sprach. Es waren alles in allem schwere Zeiten, und wenn sie nicht das große Grundstück gehabt hätten, wo man mancherlei anbauen konnte, wäre die Familie arm gewesen. Sie hatten auch noch ein Stück Land gepachtet, wo sie zum Beispiel Runkeln für das Vieh und Steckrüben anbauten. An das Haus angebaut war ein Stall, wo die Kuh stand und wo mehrere Schweine gemästet wurden, und Hühner gab es auch.
Der kleine Fritz wurde mehr und mehr Liebling seines Vaters. Er durfte in der Schusterstube spielen, was Lina und Hanna nie gewagt hatten. Eines Tages hatte sein Vater mit dem Gesellen ein schwieriges Problem zu lösen, so dass niemand auf den kleinen Fritz acht gab. Das Entsetzen war groß, als sein Vater sah, dass Fritz ein großes Stück Leder total zerschnitten hatte. Es ist nicht bekannt, ob Fritz von seinem Vater bestraft wurde. Hanna aber hatte zu Lina hinter vorgehaltener Hand bemerkt: „Dat hedde mol oiner van us doin sult.“ Die Schwestern waren sich einig, dass Fritz vom Vater vorgezogen wurde.
 
Die Nachbarn
Im Sommer trafen sie sich abends vor dem Haus, wo eine Bank stand. Oft kamen Onkel August und Tante Lenchen, die im Haus jenseits der Straße wohnten, herüber, oder man verbrachte den Feierabend bei denen vor dem Haus. Die Vettern aus dem Nachbarhaus waren alle älter als Lina, so dass sie wenig Kontakt zu ihnen hatte. Scheu beobachtete sie, wie Fritz, Hermann und Heinrich sich wichtig taten und miteinander Geheimnisse hatten. Hermann war von klein auf ein Raufbold, und seine Eltern konnten das lebhafte Kind kaum bändigen. Tante Lenchen, die Schwester ihres Vaters, war Linas Lieblingstante, während sie sich vor Onkel August versteckte. Die Männer waren im ersten Weltkrieg in Frankreich gewesen und konnten spannend von ihren Erlebnissen erzählen.




Wenn dann noch Hermann, Onkel Augusts Bruder, dazu kam, der in Sichtweite eine Möbelfabrik hatte, wurde es meist lustig. Hermann hatte einen ganzen Stall voll Kinder, von denen aber nicht alle überlebten. Mariechen war so alt wie Hanna, und die Beiden gingen zusammen in die Dorfschule. Gustav, einer der letzten in der Geschwisterreihe, galt als besonderer Witzbold, von dem die Mädchen schwärmten. Lina blieb bei allen Geselligkeiten stets etwas im Abseits. Sie konnte sich nicht so gut darstellen wie die anderen Kinder. Sie merkte das selbst und war traurig, wenn sie es merkte. Sie spielte am liebsten mit Meiers Frieda, die in ihre Klasse ging und die auf einem Bauernhof in der Nachbarschaft wohnte, der von hohen Bäumen umgeben war. Ein Bach floss an dem Anwesen vorbei, der auch die Grenze für Onkel Augusts Anwesen markierte. An diesem Bach saßen Lina und Frieda oft und tuschelten. Manchmal zogen sie aber auch auf dem Gelände von Meiers Hof herum oder hockten sich zu der alten Oma, wenn die draußen ihrer Arbeit nachging.
Bei Meiers fühlte sich Lina wohl. In dem weiten Gelände, das das Gehöft umgab, gab es keinen Streit, und man konnte vergessen, dass sich die Eltern mal wieder gestritten hatten. Lina und ihre Schwester Hanna hielten immer dann zusammen, wenn die Eltern stritten. Manchmal kam Hanna auch auf Meiers Hof, denn Lene Meier war in ihrem Alter. Es konnte vorkommen, dass Hanna ihre Schwester auf Meiers Hof traf, sie beiseite nahm und ihr zuflüsterte: „Sei struitet wieder.“ Dann war Lina jedes Mal verschreckt, und sie wurde immer stiller und zögerte es lange raus, bis sie nach Hause ging. Doch niemand bemerkte den Schmerz des Kindes.
 
Linas Großeltern
Im Haus lebte der alte Opa. Nur er verstand es, auf die Gefühle der kleinen Lina ab und zu einzugehen. Opa war ein Eigenbrötler und redete nicht viel. Er pflegte seine Rosen, die er gepflanzt hatte und die wie eine Laube einen kleinen Tisch aus Stein umgaben. An einer Stelle klaffte eine Lücke, groß genug, um eintreten zu können. Da saß der Opa oft stundenlang, und als sich Lina einmal in seine Nähe traute, sagte er: „Komm, Linchen, ik well der wat vertellen.“ Da setzte sich Lina auf seinen Schoß. Sie roch den Pfeifenduft, denn Opa rauchte aus einer langen Pfeife einen aromatischen Tabak. Opa konnte Geschichten erzählen, die keinem außer ihm bekannt waren. Als aber jemand in die Nähe kam, verstummte er und sagte: “Nu go man erst to Modder, ik mut de Bern plücken.“ Sein ganzer Stolz waren nämlich die Birnen, die goldgelb an einem Spalier hingen. Lina lief in die Küche zu ihrer Mutter, die damit beschäftigt war, Obst zu verarbeiten, das getrocknet werden sollte. Äpfel und Birnen wurden in Ringe geschnitten und auf einer Leine aufgefädelt. Das Obst trocknete dann in der Sonne. Linas Mutter, eine hübsche kleine Person, die ihre O-Beine unter einem langen Rock verstecken konnte, redete nicht viel mit den Kindern. Sie wirkte immer etwas verschlossen, was wohl auch damit zu tun hatte, dass ihre Ehe nicht glücklich war.
 


Ihr Mann war einerseits ein Spaßvogel, der eine ganze Gesellschaft unterhalten konnte, aber er war egoistisch und geizig. Auch konnte er ganz schön jähzornig werden. Lina und Hanna versteckten sich dann vor ihm. Aber Fritz Reinkensmeier war ein tüchtiger und angesehener Schuhmachermeister, der in seiner Werkstatt, die sich oben im Haus befand, auch immer einen oder zwei Lehrlinge ausbildete.



An die Oma konnte sich Lina später nur schwer erinnern, während sie vom Opa manches zu erzählen wusste. Die Großeltern starben innerhalb von sechs Wochen, als Lina ungefähr vier Jahre alt war. Mit dem Opa hatte es schon längere Zeit Probleme gegeben. Manchmal lief er weg, und die Familie musste den verwirrten alten Mann suchen. Das gab jedes Mal eine große Aufregung. Die Oma, eine tüchtige, aber herrische Person, starb plötzlich, mitten in einem arbeitsreichen Leben. Sie wollte etwas aus dem Keller holen, kam wieder hoch und sagte nur noch: „Herr Jesus, hilf.“ Man legte sie auf ein Sofa, nachdem sie bewusstlos zusammengesunken war. Das Bewusstsein erlangte sie nicht wieder. Nach zwei Tagen war sie tot, und nach sechs Wochen musste man auch den Opa zu Grabe tragen. Der Opa wurde, wie das auf dem Dorf üblich war, von Haus aus beerdigt. Der Sarg stand auf der gründlich geputzten und mit langen Damasttüchern, die an den Wänden aufgehängt wurden, festlich geschmückten Diele. Dem Opa wurde ein Totenhemd angelegt, das schon lange vor seinem Tod angeschafft worden war. Das Hemd war so lang, dass es aus dem Sarg hing. Auf die Augen und auf dem Mund des Toten hatte man kleine, saubere Läppchen gelegt. Lina und Hanna standen mit ihren Eltern und Verwandten um den Sarg herum, als die Trauerfeier begann. Posaunen spielten. Es wurde gesungen und gebetet. Anschließend formierte sich ein langer Trauerzug bis zum Friedhof, wo der Tote beigesetzt wurde. Die nächsten Nachbarn hatten das Haus geputzt, die Behördengänge erledigt und alles für ein gemeinsames Kaffeetrinken nach der Beisetzung vorbereitet. So war es üblich.
Mit dem Tod der Großeltern veränderte sich viel in der Familie. Die Oma hatte bis zuletzt noch viele Arbeiten übernommen. Minna, Linas Mutter, fühlte sich nun oft überfordert und klagte über Unpässlichkeiten. Als ihr die Arbeit über den Kopf zu wachsen drohte, verkauften sie die Kuh und mussten von nun an die Milch und die Butter vom Bauern beziehen.
 
Die Großmutter aus Bielefeld
Die Oma aus Bielefeld, Minnas Mutter, kam zu Besuch, und sie kam nicht allein. Sie wurde von ihrem Mann begleitet und dessen Tochter aus erster Ehe. Das Mädchen bzw. die junge Frau hieß Ida und war ein wenig schlicht. So nannte man das, wenn jemand leicht behindert war und keine richtige Schulbildung hatte. Lina und Hanna hatten zu dem Mann ihrer Oma keine besonders innige Beziehung, und sie beäugten ihn misstrauisch, wenn er mitkam. Wie Minna über ihn dachte, wusste niemand. Der Mann war nicht ihr Vater. Wer ihr Vater war, hatte ihre Mutter nie verraten. Lina und Hanna fanden Ida interessant. Wenn keiner zuguckte, machten sie auch schon mal ihren auffälligen Gang nach und feixten über ihr komisches Benehmen. Sie konnten sich kaputtlachen, dass Ida, wenn sie half, den Tisch abzuräumen, die Reste aus den Kaffeetassen trank. Der fremde Opa lobte seine Frau in den höchsten Tönen: „Wenn ik dese Fru von Anfang an hat hedde, dann hedde ik huite oinen ruien vor der dür.“ Das sollte heißen, dass er einen Bauernhof haben könnte, wenn er seine Frau von Anfang an gehabt hätte.
 
Einmal wollten Minna und Fritz mit ihren Kindern zur Oma nach Bielefeld fahren. Für alle drei Kinder war es die erste Zugfahrt und entsprechend aufregend war das Unternehmen. Oma wohnte in Windelsbleiche, einem Vorort von Bielefeld, wo das berühmte Bielefelder Leinen und der kostbare Damast herkamen. Weil die Fahrt bis Brake billiger war, entschied der sparsame Vater, man könne in Brake aussteigen und zu Fuß nach Windelsbleiche laufen. Niemand wagte zu widersprechen, doch Minna machte ein saures Gesicht. Als der Zug einfuhr, hielten sich die Kinder die Ohren zu. Aufgeregt lief die ganze Familie am Zug entlang, um ein passendes Abteil zu finden, und dabei gab es viele leere Abteile. In Brake stiegen sie aus und mussten nun bei glühender Hitze eine gute Stunde laufen. Aber die Kinder wagten nicht zu jammern, denn ihr Vater war streng und hätte das Jammern nicht geduldet. Als sie bei der Oma angekommen waren, gab es Kaffee und Weißbrot. Das war etwas Besonderes und die Kinder freuten sich, dass sie zusammen mit den Erwachsenen am Tisch sitzen durften. Die Kinder mochten ihre Oma gern und fühlten sich in ihrer gemütlichen Stube sehr wohl. Sie bewunderten Omas neue Lampe, die hell wurde, wenn man auf einen Schalter drückte. Zu Hause gab es so etwas noch nicht. Aber der Vater bemerkte: „Lange dauert es nicht mehr, dann haben wir auch elektrisches Licht.“ Oma erzählte von ihrer Nachbarin, die schon wieder in anderen Umständen sei. Gestern habe die Frau draußen auf der Treppe gesessen und bitterlich geweint. Ihr Mann hatte sie grob behandelt, weil er so entsetzt war, dass die Familie schon wieder größer werden sollte. Die Leute waren arm und hatten schon acht Kinder zu ernähren.
Auf dem Nachhauseweg stritten die Eltern mal wieder. Minna war ärgerlich, dass sie nun wieder bis Brake laufen sollten. Der kleine Fritz musste am Ende von seinem Vater getragen werden. Er schlief ein, bevor sie im Zug saßen.
 
Verwandtenbesuche
Dann kam eines Tages Tante Meta, die Schwester vom Schuhmachermeister und von Tante Lenchen, zu Besuch. Sie hatte einen Schelp geheiratet, der bei der Bahn beschäftigt war, und wohnte nun in Gelsenkirchen. Meta war eine hübsche, elegante Frau, die gar nicht mehr so recht zu ihren Verwandten vom Dorf passen wollte. Sie konnte so anschaulich vom Leben in Gelsenkirchen erzählen, dass Lina und Hanna nicht von ihrer Seite wichen. Tante Meta hatte nur ein Problem: Sie hatte immer noch kein Kind, und das belastete ihre Ehe sehr. Das gab sie aber nicht zu, sondern erzählte immer nur das Beste von ihrem Mann, der auch Fritz hieß. Einen Fritz gab es in jeder Familie, und man musste aufpassen, wenn man sicher sein wollte, von welchem Fritz gerade die Rede war.
 
In Linas Elternhaus ging es manchmal recht lustig zu, und zwar immer dann, wenn die entfernten Verwandten aus Gütersloh kamen. Es waren wohl Cousins von Fritz und Lenchen, die ihre Kinder mitbrachten. Wenn dieser Besuch auftauchte, meist als Überraschung, wurden auf einer Diele, entweder bei Fritz oder bei Lenchen, Tische aneinander gereiht, so dass beide Familien und die Gäste Platz hatten. Einmal spielten die Gäste Fritz einen Streich. Sie fragten immer wieder nach dem Schnaps, von dem sie wussten, dass Fritz ihn versteckt hielt. Schließlich gab Fritz nach und holte die Flasche. Großzügig schüttete er den Gästen den Schnaps ein. Er selbst bediente sich zuletzt. Da entgleisten ihm die Gesichtszüge. Er trank nämlich Wasser. Was war passiert? Die Gäste waren heimlich an die Flasche herangekommen, hatten sie geleert und mit Wasser gefüllt. Darum waren sie die ganze Zeit so ausgelassen gewesen, so dass sich die Frauen schon mokiert hatten. Fritz aber wusste nicht so recht, ob er lachen sollte oder ob er sich schämte. Er hatte nur die eine Flasche Schnaps gehabt. Als die Gäste aus Guitzel, so nannte man auf Plattdeutsch Gütersloh, wieder fort waren, wurde die Geschichte mit der Schnapsflasche, in der Wasser gewesen war, hinter vorgehaltener Hand schmunzelnd weitererzählt.
 
Lina wird erwachsen und muss arbeiten, Hanna hat ein Verhältnis.
Als Lina 13 Jahre alt war, ging sie in den Konfirmandenunterricht zu Pastor Lingemann. Sie musste viele Bibelverse und Gesangbuchlieder auswendig lernen. Sonntags ging sie in die Kirche, was vom Pastor kontrolliert wurde. Alle hatten Angst vor dem Pastor, denn er war sehr streng und konnte empfindlich strafen, wenn jemand nicht gut gelernt hatte. Lina nahm den Unterricht sehr ernst und gab sich große Mühe, nicht unangenehm aufzufallen.
 
Lina wurde konfirmiert, und wie das üblich war, wurde sie nach der achten Klasse aus der Dorfschule entlassen. Auf die Frage „Was willst du werden?“ wusste sie keine Antwort, denn sie hatte gar nicht gelernt, eigene Wünsche zu äußern und durchzusetzen. Es ergab sich, dass einer der beiden Lehrer ein Mädchen für den Haushalt suchte. Linas Mutter sagte zu, und so begann Lina ihre Tätigkeit bei Lehrer Take. Es handelte sich um eine Aushilfstätigkeit, die aber durchaus für Lina wichtig wurde. Frau Take war eine musikalische Person, die Klavier spielte und sehr schön singen konnte. Wenn sie übte, stand sie wie eine Diva neben dem Klavier. Das Ave Maria sang sie so herzergreifend, dass Lina inne hielt und nicht weiterarbeiten konnte. Lina wurde von Familie Take gut behandelt und erhielt viel Lob für ihre Arbeit. Stolz berichtete sie zu Hause: „Frau Take hat gesagt, dass ihr Herd noch nie so blank war wie jetzt.“ 15 Mark gab es am Monatsende. Lina fand, dass das viel Geld war. Als Lina einmal durchblicken ließ, dass sie vielleicht in einer Fabrik arbeiten wolle, sagte die gute Frau Take: „Das mach man nicht, Mädchen, da verderben die Kinder so.“
 
Als Lina bei Familie Take nicht länger arbeiten konnte, weil deren frühere Hausgehilfin wieder gesund geworden war und auf ihre Stelle nicht verzichten wollte, brauchte Lina eine andere Arbeitsstelle. Die Zeiten waren schlecht, und es gab nicht viele Möglichkeiten für ein junges Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Es war das Jahr 1931. Hanna hatte Glück gehabt und seinerzeit eine Lehrstelle bei Schneider Müller bekommen. Etwas Entsprechendes wurde für Lina nicht gefunden, und so war man froh, als sie bei Lithograph Meyer als Arbeiterin angestellt wurde. Lina musste nun jeden Morgen den weiten Weg in die Stadt zurücklegen. Das fiel ihr aber nicht sonderlich schwer. Sie fand sich in dem Betrieb gut zurecht, arbeitete mal an der Heftmaschine, dann mal eine Zeit lang an der Stanzmaschine. Bei ihrem Chef hatte sie bald einen Stein im Brett. Sie merkte es und fühlte sich wohl, weil sie anerkannt wurde.
 
Lina hatte in dem Betrieb, der später I. und C. Meyer hieß, ihren Platz gefunden. Sie war vielleicht 17 Jahre alt, als alle Mitarbeiter zu einem Betriebsfest anlässlich der Hochzeit des Chefs eingeladen wurden. Lina freute sich darauf. Eine Bekannte hatte ihr angeboten, ihr die Haare zu ondulieren. So nannte man es, wenn mit einer Brennschere die Haare mit gleichmäßigen Wellen versehen wurden. Die langen Haare wurden aber trotz der Ondulierung im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt. Lina fand, dass sie gut aussah, und die Bekannte, die ihr zu dieser Frisur verholfen hatte, bestätigte sie in ihrer Meinung. Am späten Nachmittag kam Lina nach Hause. Was sie nicht erwartet hatte, traf ein. Ihr Vater war früher als gewöhnlich aus seiner Schusterstube herunter gekommen, und sie hörte schon von Weitem, dass es mal wieder Streit gab. Als ihr Vater sie sah, kam er sofort auf sie zugeschossen und krakelte wegen der Haarfrisur herum. Sie bekam gar keine Gelegenheit zu erklären, dass sie gar nicht beim Frisör war und dass sie gar nichts für die Frisur bezahlen musste. Ihr Vater beruhigte sich nicht und schrie weiter herum. Plötzlich stand Tante Lenchen, Fritz’ Schwester von gegenüber, in der Tür. Sie hatte das Geschrei gehört. Liebevoll nahm sie Lina bei der Hand und flüsterte mit ihr. Fritz stand stumm da und zog sich schließlich zurück. Tante Lenchen überzeugte Lina, dass es besser sei, die Wellen wieder aus den Haaren herauszuwaschen – um des lieben Friedens willen. Lina schluchzte: „Ik go nich mer hen.“ Tante Lenchen brachte es mit viel Geduld so weit, dass Lina am Ende doch mit ihrem Vetter Heinrich, der einige Jahre älter war als sie, zum Betriebsfest ging.
Christa kannte von dieser traurigen Begebenheit eine andere Version. Dabei kam der Opa noch schlechter weg. Wenn es stimmte, dann hatte er eigenhändig Lina zum Wasserhahn gezerrt und ihre Haarfrisur zerstört. Wer kann wissen, was wirklich passierte? Der Erzähler fühlte sich gar nicht glücklich in seiner Haut. Er hätte so gern mehr gewusst. Er hätte so gern die Personen besser verstanden.
 
Hanna hatte während dieser Zeit schon einen festen Freund. Er hieß Walter, kam von einem Bauernhof und hatte schon zwei Berufe gelernt, Maurer und Schlachter. Von Hannas Eltern wurde Walter akzeptiert. Man sprach bereits von Hochzeit. Ein Einfamilienhaus auf einem Grundstück der Bauernfamilie sollte demnächst gebaut werden. Nun gab es im Nachbardorf eine Theateraufführung, zu der Hanna und Walter Lina mitnehmen wollten. Das Theaterstück dauerte länger als erwartet, und der Nachhauseweg war lang. Fröhlich zogen sie zu Dritt durch den kalten Novemberabend. Es war schon bald Mitternacht, als sie zu Hause ankamen. Fritz, ihr Vater, stand schon vor der Tür, was nichts Gutes erwarten ließ. „Hier rein!“ schrie er die Mädchen an und würdigte Walter keines Blickes. Lina gab als alte Frau zu, dass sie ihren Vater in solchen Situationen gehasst habe.
 
 
Der Schuhmachermeister und die Tochter des Pastors
Pastor Lingemann hatte eine Tochter, die Annchen hieß. Sie war schwer gehbehindert und konnte nur mühsam laufen, denn sie trug orthopädische Schuhe, an denen Schienen, die bis zur Taille reichten, angebracht waren. Linas Vater, der Schuhmachermeister, nahm sich des armen Mädchens an und konstruierte für sie Schuhe, die es möglich machten, auf die lästigen Stangen zu verzichten. Annchen war begeistert. Zeit ihres Lebens war sie dem Hause Reinkensmeier dankbar verbunden. Wenn ihre Schuhe abgelaufen waren, wurden ihr neue angemessen. Es war erstaunlich, dass Fritz, der ja kein orthopädischer Schuhmacher war, so etwas konnte. Es war aber auch sein Ehrgeiz, dem immer freundlichen und dankbaren Annchen zu helfen. Annchen hatte keinen Beruf gelernt und konnte darum ihre Schuhe auch nicht selbst bezahlen. Einmal soll Fritz Reinkensmeier dem schon alten Pastor Lingemann einen bösen Brief geschrieben haben, damit er endlich die Schuhe für seine Tochter bezahle. Ja, der Fritz war kein Ducker. Er konnte sich durchaus Autoritäten gegenüber durchsetzen. Und der Pastor stellte zweifellos im Dorf eine Autorität dar. Manchmal lag Fritz aber auch mit seiner kämpferischen Einstellung daneben. Er schimpfte zum Beispiel über die Versicherungen, von denen er meinte, sie seien weggeworfenes Geld. Das sollte er im Alter bitter bereuen.
 
Tante Meta aus Gelsenkirchen und Hitler
Anfang des Jahres 1936 kamTante Meta aus Gelsenkirchen zu Besuch. Sie verbrachte einige Tage bei ihrem Bruder Fritz, also in ihrem Elternhaus, und einige Tage bei Lenchen, ihrer Schwester, im Haus gegenüber. Es gab dieses Mal nur ein Gesprächsthema für sie: Hitler. Sie schwärmte von ihm, lobte ihn in den höchsten Tönen und wusste über ihn Dinge, die noch niemand im Dorf gehört hatte. Der „kleine Fritz“, der inzwischen gar nicht mehr klein war, wich nicht mehr von Tante Metas Seite. Was sie erzählte, begeisterte ihn. Manches wusste er aus den Veranstaltungen der Hitlerjugend, zu denen er regelmäßig ging. Meist lief er mit seinem blauen Hemd mit Halstuch und Knoten herum. Tante Meta, die sich ja schon immer schnell begeistern ließ, gab zu erkennen, dass sie unbedingt Hitler sehen wolle, es koste, was es wolle. Und das gelang ihr tatsächlich. In einem langen Brief an Lenchen berichtet sie über das großartige Erlebnis:
31. März 1936
 Liebes Lenchen!
 
Da freue ich mich aber sehr, dass Ihr so viele Gäste da hattet, wie Hitler sprach. Ich war auch in der Halle, Fritz hatte leider Dienst. Leichenblaß bin ich abends zurückgekommen, aber was war es auch wieder für ein Erlebnis: Anderthalb Stunden den Führer sehen und hören, dafür kann man sehr viel ertragen. Um 11.43 bin ich hier abgefahren, Herrn Vock traf ich auf dem Bahnhof. Wie wir im Abteil saßen, sagte er: Also, wir beide wollen in die Halle. Ich nickte. Später stiegen zwei Frauen ein, die hatten Verwandte in Essen, die mussten auch tüchtig lachen, als sie hörten, dass ich in die Halle wollte. Am Mittwoch hatte in der Zeitung gestanden, dass jeder Vg. unentgeldlich Zutritt zu der Halle hätte und am Donnerstag stand es wieder in der Zeitung, aber mit dem Zusatz, dass es in der ganzen Welt nicht so eine große Halle gäbe, die alle aufnehmen könnte, die hinein wollten. Ich sagte mir nun: Dem Mutigen gehört die Welt und am Freitag die Maschinenhalle in Essen. Zum Glück trennte sich Herr Vock am Bahnhof in Essen von mir, (allein konnte ich schneller laufen) weil er Durst hatte. Ich hatte mich zu Hause schon so eingerichtet, dass ich nicht trinken und auch nichts anderes brauchte.- Dann schnappte ich mir sofort den nächsten Schupo und ließ mir die Straßenbahn zeigen, mit der ich fahren konnte, denn nach ein Uhr musste alles zu Fuß erledigt werden. Der Schaffner kuckte mich mit einem unbeschreiblichen Blick an und sagte: Nun habe ich vom frühen Morgen an die Frage beantwortet: Wo ist die Halle, in der Hitler spricht? Da habe ich zu ihm gesagt, aber wir freuen uns doch so sehr, wenn Sie uns den Weg zeigen und wenn wir dann nachher drin sind in der Halle, werden wir dankbar Ihrer gedenken. Da haben wir denn alle gelacht, der Schaffner auch und versprach dann, jedem, der noch käme, den Weg zu zeigen. Nun hielten wir schon wieder und mussten raus. Inzwischen hatte sich eine ältere Frau zu mir gesellt, dann hat uns ein Eisenbahner zur nächsten Straßenbahn gebracht und dem Schaffner gesagt, wo wir hin wollten. Der hat dann sehr, sehr mitleidig gelacht, ungefähr so, als wenn Kinder mal zugucken wollen, wie der Osterhase die bunten Eier legt. Wie wir ausgestiegen waren, kuckte ich mich noch mal um, da lachte er immer noch. Nun sind wir marschiert, immer egal weg, die Richtung stimmte, da- Schluß, die SA Kette. Ja, meine Lieben, um einen Zentimeter ist mir da sicher das Herz gerutscht. Ich sagte zu einem SA Mann, ich müsste unbedingt in die Halle. Hier ist es ganz unmöglich, sagte er mir, vielleicht auf einem anderen Wege, oder wenn sie sich anschließen. Ich, wie ein Wiesel hinein in die marschierende Kolonne der Kruppschen Arbeiter. Was wollen sie denn hier, fragte mein Nebenmann. Ach, sage ich, lassen sie mich doch, sie tun bestimmt nichts Unrechtes, wenn sie mich mitgehen lassen. Da bin ich dann aber nicht lange geblieben, sondern bin an der Seite ein Stückchen gelaufen und wo eine Lücke war, wieder hineingeschlüpft. Einmal sagte einer hinter uns: Kumpel, wo ist dein Nebenmann. Ach, Tante, sagte der und ließ mich gehen. So bin ich immer ein Stückchen nach vorn gelaufen und war dann mit einemmal zwischen marschierender SA. Halt, stopp, habe ich mir da aber gesagt, jetzt aber aufgepasst, dass die Sache zu guterletzt nicht noch schief geht. Zwischen der SA fühlte ich mich nun nicht so wohl wie zwischen den anderen Kumpels. Bei dem Gedanken war ich noch, da setzte ich meinen Fuß über die Schwelle, ich war in der Halle. Seht, meine Lieben, was ich in dem Augenblick empfunden habe, könnte ich euch nicht schildern. Es war herrlich. Ach ja, schade, dass ich es nicht schreiben kann. Dann sah ich mir die Halle an. O weh, nirgends ein Ende zu sehen, keine Länge und keine Breite. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Aber jetzt musste ich wieder schnell denken, damit ich mein Ziel erreichte. Ich ließ mir von einem SA Mann den Weg zeigen zu der Stelle, wo Hitler sprechen sollte. Dann sah ich einen Zipfel rotes Tuch leuchten. Da wußte ich, daß ich den richtigen Weg ging. Aber was dann kam, will ich lieber nicht schildern, sonst „tu ich Euch so leid.“ Wir schrieen alle durcheinander, die Filmleute, die über uns arbeiteten, riefen immer, seid doch vernünftig, ihr drückt Euch ja tot. Dann bekam ich von beiden Seiten einen furchtbaren Druck in die Rippen. Ich schrie dann auch kräftig. Dann rief ein Mann: „Sanitäter, die Frau muß hier raus.“ Der Sanitäter packte mich, die anderen schoben mich, und raus war ich aus der Enge und meinem Ziel schon recht nahe. Jetzt nur noch schnell dem Sanitäter aus den Augen, damit ich nicht erst behandelt wurde. Dann habe ich auf jede Handbreit und auf jeden Fingerbreit Raum geachtet, wo ich immer noch ein wenig weiter nach vorn kommen konnte. Ja, und dann stand ich ungefähr 15-20 m noch von der Bühne entfernt und habe mir dann gesagt: So, hier bleibst du jetzt stehen, und wenn es auch noch stundenlang dauert bis der Führer kommt. Nun habe ich zum zweitenmal in meinem Leben das Glück gehabt, unseren herrlichen Führer 11/2 Stunden zu sehen und zu hören.
Wie Lina ihren Fritz kennen lernte
Eines Tages, nachdem Lina schon mehrere Jahre bei Lithograph Meyer arbeitete, passierte es. Sie bückte sich, um etwas vom Boden aufzuheben und geriet mit den Haaren in die Stanzmaschine. Geistesgegenwärtig reagierte die taubstumme Kollegin und holte Hilfe. Man musste Lina büschelweise das Haar abschneiden, um sie zu befreien. Lina stand unter Schock und blieb einige Tage zu Hause.
Als sie wieder zur Arbeit kam, war der Zwischenfall bald vergessen.
Wenn aber Lina zu Hause in den Spiegel schaute, wurde sie sehr traurig, weil ihre Haare nicht gut nachwuchsen. Sie dachte an Fritz, den sie nun schon mehrere Monate kannte.
Fritz war sechs Jahre älter als sie und Maurer. Er war ein Cousin ihrer Freundin Herta, und da er im Haus gegenüber wohnte, sah sie ihn immer, wenn sie sich bei Herta aufhielt. Fritz hatte wie Herta mehrere Geschwister. Es waren aber nur drei übrig geblieben: Berta, Erna und Heini. Ilse, Herta und Leopold waren innerhalb von drei Jahren im jugendlichen Alter gestorben. In Hertas Familie lebten Erna, Meta, Alwine, Hilde und Fritz.
Lina verbrachte viel Freizeit zusammen mit Herta. Da ergab es sich von allein, dass Hertas Geschwister dabei waren, und manchmal auch die jungen Leute aus dem Nachbarhaus. Nun war gerade Markt im Nachbardorf. Man beschloss dorthin zu gehen. Auch Fritz von nebenan schloss sich der Gruppe an, denn er hatte ja schon länger ein Auge auf Lina geworfen, und sie hatte es bemerkt. Fritz wich an diesem Tage nicht von Linas Seite. Er, der sonst eher als schweigsam bekannt war, redete wie ein Buch. Als sie an einer Bude standen, wo es Lebkuchenherzen gab, auf denen unterschiedliche Namen mit Zuckerguss geschrieben waren, kaufte Fritz ein Herz mit der Aufschrift Lina und hängte es ihr schmunzelnd um den Hals. Lina lief rot an und konnte nichts sagen.
Es wurde spät, so dass Lina unruhig wurde. Sie wollte keinen Ärger mit ihrem Vater bekommen, der immer noch aufpasste, dass seine Töchter pünktlich nach Hause kamen. Lina hatte ein Fahrrad dabei. Irgendwann sagte Fritz leise zu ihr: „Schall ik dui no Huse bringen?“ Lina reagierte verschämt, sagte aber nicht „nein“. Fritz bot an, ihr Rad zu schieben und sie ließ es sich gefallen. An einer Kreuzung, wo Fritz hätte mit den Anderen abbiegen müssen, ging er mit Lina geradeaus. Die Anderen lachten und tuschelten. „Endlich“, sagte Herta, „nun merkt sie es auch.“ Fröhlich zogen sie weiter und erzählten zu Hause: „De Fritz is mit Reinkens Lina gegangen. Dat schall wat wern.“
 
 
Verlobung. Hausbau, Hochzeit
Lina und Fritz verlobten sich und planten den Bau eines kleinen Hauses, das bis zur Hochzeit fertig sein sollte. Das Grundstück bekam Lina von ihren Eltern. Sie würden nur durch eine Wiese von ihren Eltern getrennt sein. Man schrieb das Jahr 1938. Die Arbeiten am Haus machten gute Fortschritte, zumal Verwandte und Freunde halfen, so dass der Preis für das Haus niedrig gehalten werden konnte.
Beim Richtfest waren alle guter Laune. Fritz Schwestern trugen neue Kleider. Sie waren älter als Lina und noch nicht unter die Haube gekommen, was ihren Eltern Sorgen bereitete. Die Richtkrone war weithin sichtbar und wurde von den Nachbarn bewundert. Die politische Entwicklung gab Anlass zur Sorge. Aber hier im Dorf lebte man so, als ginge das alles niemanden etwas an.
Nur Fritz, Linas Bruder, war informiert und interessiert an den Entwicklungen. Er hatte viel Schönes in der Hitlerjugend erlebt und hatte sich auch von der in jenen Kreisen verbreiteten Begeisterung für eine bessere Zukunft Deutschlands anstecken lassen. Seine Lehre hatte er mit Auszeichnung beendet und war dafür sehr gelobt worden. Den Fritz mochten alle gern. Vielleicht war er für sein Alter etwas zu ernst, vielleicht auch ein wenig fanatisch. Als sich Fritz in ein junges Mädchen mit dem Namen Lieschen verliebte, war auch das in Ordnung.
 
Als das Haus fertig war, wurde Hochzeit gefeiert. Lina war eine schmucke Braut und trug einen Schleier mit einem Myrthenkranz. Hanna und die Schwägerinnen traten als Brautjungfern in neuen Kleidern auf. Fritz trug einen schwarzen Anzug und sah sehr gut aus.
Eine einfache Einrichtung war vom Brautpaar zusammen gespart worden. Das Schlafzimmer kam von der Möbelfabrik Hermann B., die ihren Standort in nächster Nähe hatte. Das Schlafzimmer war wunderschön geworden. Es bestand aus einem Kleiderschrank, einem Ehebett, einer Kommode mit Spiegel und einer Wäschetruhe. Als Lina ihre Aussteuerwäsche in dem Schrank verteilt hatte, stand sie staunend davor. So viele Bettbezüge, Bettlaken, Handtücher und Tischdecken! Das hatte sie alles von ihrem selbst verdienten Geld angeschafft. Sie bemerkte die etwas neidischen Blicke ihrer Schwägerinnen. Die Wohnküche kam aus dem Hause Busse. Heinrich Busse war ein Vetter von Fritz und Fritz zuliebe hatte er eine preiswerte, schöne Küche geliefert. Die Wohnung sah wirklich schmuck aus. Man konnte sich wohl fühlen, auch wenn man das Wasser aus dem Keller holen musste. Das war damals in den meisten Häusern so. In der Wohnküche blitzte der Herd, auf dem Lina kochte, der aber auch die Wohnung warm hielt. Lina und Fritz waren glücklich in ihrem Reich. Lina ging nach der Hochzeit nicht mehr zur Arbeit. Das war damals so. Später hat sie sich immer wieder gefragt, warum sie nicht weiter arbeiten ging. Noch im hohen Alter meinte sie: „Das hätte mir jemand sagen müssen, dann hätte ich selbstverständlich weitergearbeitet.“
 
 
Fritz wird Soldat und ein Mädchen wird geboren.
Linas erstes Kind war unterwegs, doch wollte keine Freude aufkommen, denn es drohte Krieg und Fritz konnte jeden Tag damit rechnen, eingezogen zu werden. Alle spürten die Unruhe im Land, und dennoch war man auf dem Dorf nicht besonders gut informiert über das, was sich politisch ereignete. Eigentlich gab es nur zwei Personen in der Großfamilie, die sich für Hitler begeisterten. Das waren Tante Meta und Fritz, Linas Bruder. Wenn Tante Meta kam, horchte man auf. Fritz’ Äußerungen wurden weniger ernst genommen, denn er war ja noch jung und junge Menschen lassen sich schnell begeistern. Lina hatte Angst vor einem Krieg. Sie freute sich auf ihr Kind, wurde aber unruhig, wenn von Krieg gesprochen wurde. Sie durchschaute auch nicht, was Hitler vorhatte, wusste nicht einmal, wovon die Rede war, wenn es um den polnischen Korridor ging. Woher sollte sie es auch wissen? Ein Radio besaßen sie nicht, und eine Tageszeitung konnten sie sich nicht leisten.
Das kleine Mädchen wurde am 14. 5. 1940 im Hause geboren. Fritz war immer noch da. Er war geschockt, was seine Lina aushalten musste. Als aber das Kind endlich da war, kannte seine Begeisterung keine Grenzen. Nur dass er damit rechnen musste, dass man ihn holen würde, trübte das junge Glück. Und dann kam tatsächlich der Brief. Fritz musste in den Krieg ziehen. Was nun? Das Kind war doch noch gar nicht getauft. In aller Eile wurde eine Haustaufe organisiert, so dass Fritz noch dabei sein konnte. Der Pfarrer kam ins Haus. Man feierte in der geschmückten Wohnküche die Taufe und den Abschied von Fritz. Manche Träne floss. Am Tag nach der Taufe musste Fritz fort, es gab kein Entrinnen. Die meisten Männer aus dem Dorf waren ja längst eingezogen worden.
 
Die kleine Christa gedieh prächtig. Fritz musste sich auf das verlassen, was Lina ihm über sein kleines Mädchen schrieb. Obwohl er nicht an der Front stand, bekam er lange Zeit keinen Urlaub.
Anfang 1941 hatte Lina die Möglichkeit, Fritz in Neugattersleben bei Magdeburg zu besuchen. Klein-Christa, ungefähr ein ¾ Jahr alt, wurde währenddessen von Linas Schwägerinnen versorgt. Lina trat die Reise in großer Erwartung, aber auch mit Sorge an, denn man hörte viel davon, dass Züge überfüllt waren oder große Verspätungen hatten. Es klappte aber alles, und als Lina ankam, wurde sie von einem strahlenden Fritz in Empfang genommen. Dann stellte sich aber heraus, dass der Bus, mit dem sie fahren mussten, wegen Glatteis ausfiel. Das war schlimm, denn Linas Koffer war schwer. Sie brachte ja für Fritz allerlei mit. Fritz Mutter, die so gern mitgefahren wäre, hatte einen Kuchen gebacken und wollte unbedingt, dass Lina ihn mitnahm. Fritz packte also den Koffer, und so zogen sie los. Es war glatt und sehr kalt. Nach ungefähr zwei Stunden kamen sie bei dem Quartier an, das Fritz für sie beide gemietet hatte. Es waren Privatleute, bei denen sie untergekommen waren. Freundlich wurden sie von der Hausfrau begrüßt. Aus Mitleid, weil Lina so durchgefroren war, eilte die Frau in die Küche, um etwas Warmes zu besorgen. „Na, hat der Kaffee gut getan?“ fragte sie, als sie das Geschirr abholte. Lina hatte gar nicht bemerkt, dass sie Kaffee getrunken hatten. Aber natürlich bedankte sie sich überschwänglich für die Freundlichkeit der Hausfrau. Wer konnte sich in diesen Zeiten schon Kaffee leisten?
 
Im April 1941, als sein Geburtstag bevor stand, dachte Fritz viel an Lina und sein kleines Mädchen. Und so schrieb er am Tag seines Geburtstages den folgenden Brief:
 
                                               Stellung, den 17. 4. 41
Liebe Lina,
heute feiere ich nun meinen Geburtstag.
Wir haben hier heute einen herrlichen
Tag. Die Sonne scheint so schön wie lange
nicht mehr. Ich habe augenblicklich ein
Stück Arbeit zu machen, das erst fertig
sein muß, sonst hätte ich heute frei
bekommen. Nachdem ich vor einer
halben Stunde zu Mittag gegessen habe,
wurde die Post verteilt. Der Spieß hatte
ein Paket in der Hand und brüllte
Thies, hier fließt ja schon die Jauche
raus. Ein schöner gelber Fleck zierte
seine weiße Jacke. Ich nahm lachend
das Paket in Empfang, machte es
auf, und zum Vorschein kamen
eine Reihe Ostereier. Ein Ei war nur
kaputt gegangen. Die anderen sind heil
geblieben. Jetzt habe ich soeben 3 Eier
in meinem Kochgeschirrdeckel aufgeschlagen.
Den Kameraden läuft das Wasser im
Munde zusammen, wie ich die Spiegel-
eier reinhaue. Eine halbe Stunde habe
ich noch Zeit, dann muß ich
wieder an die Arbeit. Mir fehlt also
nichts. Wenn ich nun Dich und
mein kleines Mädchen hier bei mir
hätte, dann wäre ich restlos glücklich.
Man kann aber auch mit wenigem
zufrieden sein, und so freue ich mich
halt über das was ich augenblicklich
habe, nämlich einen herrlichen Frühlings-
tag mit Sonnenschein und guter
Laune. In der Hoffnung, dass es
auch Dir und meiner Christa an
dem nötigen Sonnenschein nicht
fehlen möge, will ich diesen Brief beenden.
Herzlichen Gruß Dein
                         Fritz
33 Jahre. Wirst Du nicht bange
vor so einem alten Manne?---
Christa, sag mal Papa!
 
.
Geburt des 2. Kindes und die traurige Nachricht
Anfang des Jahres 1942 bekam Fritz Urlaub. Lina wurde wieder schwanger. Es gab viele Sorgen. Ihr Bruder Fritz stand in Russland, die Nachrichten von ihm waren spärlich. Das kleine Mädchen, das im Oktober geboren wurde, bekam den Namen Gertrud. Lina lag in einer Klinik, war noch erschöpft von einer schweren Geburt, als ihre Eltern kamen, weinend, denn sie hatten soeben die Nachricht bekommen, dass ihr Fritz im fernen Russland gefallen war. Stumm überreichte Minna Lina den Brief, den ihnen der Stabsarzt geschrieben hatte. Nun weinten sie alle. Auch der Vater konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. „Use Fritz, use Fritz!“ jammerte er. Irgendwann erinnerten sie sich daran, dass ein Mädchen geboren war und sie gingen zur Schwester, um das Kind anzuschauen. Als ihre Eltern fort waren, schluchzte Lina in die Kissen. Wann würde ihr Fritz, ihr Mann, kommen? Die kleine Gertrud ließ sich ruhig anlegen und trank, bis sie zufrieden einschlief.
So hätte es gewesen sein können. Aber Lina, als sie schon 88 Jahre alt war, erzählte die Geschichte etwas anders:
Lina hatte ihr zweites Kind in einer Klinik zur Welt gebracht. Ein Missverständnis führte dazu, dass Fritz einen verlängerten Sonderurlaub bekam und wenige Tage nach der Geburt zu Hause war. Was war geschehen? Die Hebamme hatte nicht richtig hingeschaut und war überzeugt gewesen, sie habe einem kleinen Jungen geholfen, das Licht der Welt zu erblicken. Und so kabelte sie an Fritz’ Adresse, die Lina bereit gelegt hatte: „Junge angekommen.“ Als Lina das erfuhr, wurde sie nervös und behauptete, dass es doch ein Mädchen sei. Die Hebamme bestand aber auf ihrer Meinung. Nun wurde das Kind geholt und losgewickelt. Lina hatte Recht, und die Hebamme verließ verärgert das Zimmer. Fritz aber bekam Sonderurlaub wegen der Geburt eines Sohnes. Bei der Geburt einer Tochter gab es das nicht. Mit einer Kutsche wurden Mutter und Kind nach sechs Tagen nach Hause gefahren. Der Bauer Becker, ein Nachbar, hatte die Fahrt übernommen. Als sie schon fast zu Hause waren, sah Lina Holzmüllers Mutter die Straße runterkommen. Die winkte ihr so merkwürdig zu, dass es Lina ganz komisch in der Magengegend wurde. Die Kutsche hielt vor dem neuen weißen Haus. Eltern und Schwiegereltern kamen Lina an der Tür entgegen. Nachdem Lina ihren Mantel abgelegt hatte, vermisste sie ihre Mutter, die doch eben noch da gewesen war. „Wo is Modder?“ „Ach, de geit et nicht so guot….Fritz is verwundet.“ Lina schaute in die Runde und wusste sofort, dass es nicht stimmte. „Fritz is gefallen“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.“
Nach einer Weile kam Minna wieder. In der Hand hatte sie einen Brief, den sie wortlos Lina gab. Es war das Schreiben vom Stabsarzt, in dem er der Familie mitteilte, dass Fritz seine Verwundung nicht überlebt hatte.
Lina las:
Sehr geehrter Herr Reinkensmeier,
Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr
Sohn, der Gefr. Fritz Reinkensmeier, der am 7. XI. 42 mit einem
schweren Kopf- und Rückenschuss in das Lw. Ortslazarett
der Dienststelle L 20302 aufgenommen wurde, trotz ärztlicher
Bemühungen am 9. XI. 42 an den Folgen seiner schweren Verwundung sanft verschieden ist. Ich spreche Ihnen zu diesem schweren Verlust mein aufrichtiges Beileid aus.
Die letzte Ruhe fand Ihr lieber Sohn auf dem Ehren-
Friedhof zu Pjatigorsk, wo wir ihn neben Kameraden mit
allen militärischen Ehren begraben haben.
Den vorhandenen Nachlaß Ihres lieben Sohnes übersenden
wir Ihnen gesondert.
In allen Fürsorge- und Versorgungsfragen erhalten Sie bereit-
willigst Auskunft von der Wehrmachtsfürsorge, deren Anschrift Sie von jeder Wehrmachtsdienststelle erfragen können.
 
Dr. Waudricht, Stabsarzt
und Chefarzt
 
Lina las, las noch einmal. Sie weinte bitterlich um ihren Bruder. Die Stimmung war an diesem Tag, der ein Freudentag hätte werden sollen, sehr bedrückend. Kaum einer hatte Augen für die kleine Gertrud, die die meiste Zeit schlief. Als Lina aus dem Fenster ihrer Wohnküche schaute, sah sie, wie ihr Vater vor seinem Haus auf der Bank saß. Er war ganz zusammengesunken und wischte sich das Gesicht immer wieder. Lina war gerührt. So hatte sie ihren Vater noch nie erlebt.
 
Hungerjahre
Christa, die als Gertrud geboren wurde, 2 ½ Jahre alt war, konnte mit dem Baby wenig anfangen. Sie reagierte mit Eifersucht, wenn Lina sich zu lange nur mit dem Schwesterchen beschäftigte. Eines Tages, die kleine Gertrud lag sauber angezogen im Stubenwagen, nahm Christa ein Stück Kohle in die Hand und malte damit das Baby an. Sie wollte sich kaputt lachen, aber Lina lachte nicht, als sie die Bescherung sah. Alle Lebensmittel waren rationiert, auch das Waschpulver. Wie sollte sie das alles wieder sauber bekommen? Das Waschpulver reichte gerade, um die Windeln ein Mal in der Woche aufkochen zu können. Das Brot reichte auch nie. Lina aß morgens nichts. Manchmal wurde ihr schwarz vor den Augen. Dann wusste sie, dass sie essen musste, um Gertrud stillen zu können. Nachts wachte sie oft auf, weil sie Hunger hatte.
Von ihren Eltern konnte sie keine Hilfe erwarten. Minna und Fritz waren alt geworden, nachdem sie ihren Sohn verloren hatten. Das Geschäft lief nicht gut. Die Leute konnten nicht viel bezahlen, wenn sie Schuhe zur Reparatur brachten. Es gab schon lange keine Gesellen und Lehrlinge mehr. Wenn Lina fortmusste, konnte sie aber immer ihre Kinder zu ihren Eltern bringen. Oft kochten sie zusammen, weil es dann billiger wurde. Abends wurde der Eintopf mit Wasser verlängert. Man war nach einem solchen Essen schnell wieder hungrig. Sonntags gab es in der Regel ein besonderes Essen, das man zusammen einnahm. Linas Vater bestand dann immer darauf, dass etwas für den Montag übrig bleiben musste. Diese Angewohnheit behielt er auch dann noch bei, als die Zeiten schon wieder besser waren.
 
Während der Kriegsjahre wurden in Linas Haus Flüchtlinge einquartiert. Ihnen wurde ein Zimmer zugestanden, denn die anderen Zimmer oben im Haus waren vermietet, obwohl sich selten jemand in den Räumen aufhielt. Dann kam die Flüchtlingsfamilie mit zwei Söhnen, einer Oma und später einem Mann, der mit der Frau ein Verhältnis hatte. Wie diese Menschen in dem einen Zimmer gelebt haben, kann man sich schwer vorstellen. Lina hatte Mitleid und gab freiwillig das Kinderzimmer ab. Manchmal, wenn Lina reichlich gekocht hatte, stellte sie die Reste unters Bett. Die Leute waren sehr dankbar für jede Hilfe. Einmal bekamen Linas Untermieter Besuch aus dem Ruhrgebiet. Sie hatten irgendwo Kartoffeln bekommen und baten Lina, sie bei ihr kochen zu dürfen. Lina hat später oft erzählt, mit welchem Heißhunger die Kartoffen, sobald sie gar waren, mit etwas Salz verschlungen wurden.
 
 
Der Krieg ist zu Ende…
Der Krieg war zu Ende. Man merkte nur noch nichts davon. Das Brot blieb knapp. Als Lina Brot kaufen wollte und ihre Marken der Verkäuferin abgegeben hatte, traute sie ihren Augen nicht. Sie bekam kein ganzes Brot. Ein Viertel fehlte. Ihr kamen die Tränen. Wenn Fritz jetzt kam… Sie hatte eine Nachricht von ihm, dass er versuchen wollte, sich vom Schwarzwald nach Ostwestfalen durchzuschlagen. Pfingsten verbrachte sie mit den Kindern bei den Schwiegereltern. Die wohnten in der Nähe. Wenn man durch die „Bauernwiese“ ging, konnte man den Weg abkürzen und war dann schnell da. Auf dem Weg zu den Verwandten dachte Lina: Wenn nun Fritz kommt, habe ich einen Apfelkuchen, aber das Brot reicht nicht. Und dabei hatte sie selbst seit Tagen nur die Brotkanten gegessen, die die Kinder liegen ließen. Linas Gesundheitszustand war nicht der beste. Es kam immer häufiger vor, dass ihr plötzlich schwarz vor den Augen wurde. Wenn sie etwas gegessen hatte, ging es wieder besser. Sie wollten gerade zu Mittag essen, als Gisela, das Arbeitsdienstmädchen, das Minna zur Seite stand, angelaufen kam und atemlos keuchte: „Euer Vater ist gekommen.“ Die Aufregung war natürlich groß. Lina machte sich auf den Weg, ohne etwas gegessen zu haben. Berta und Erna, die nach wie vor bei den Eltern wohnten, sollten nachkommen. Aber wie sah Fritz aus! Er war unrasiert. Die abgetragene Kleidung schlotterte um ihn herum. Ein Bauer im Schwarzwald hatte ihm die Kleidung geschenkt und seine Uniform versteckt, denn mit Uniform hätte er keine Chance gehabt durchzukommen. Wie er es überhaupt geschafft hat, den Franzosen, den Amerikanern und den Engländern zu entkommen, blieb der Familie ein Rätsel. Fritz hatte immer wieder Menschen getroffen, die ihm ein Lager bereiteten oder ihm zu essen gaben. Ob er überwiegend nachts gewandert ist oder ob er auch mal ein Stück des Weges mitgenommen wurde, ist nicht bekannt.
Es sprach sich schnell im Dorf herum, dass Fritz nach Hause gekommen war. Auch die alte Frau Krieger hatte davon gehört und als sie Lina zufällig traf, sagte sie: “Lina, kumm mal to us mit dem Handwagen. Du kannst dui Kartuffeln halen.“ Das ließ sich Lina nicht zwei Mal sagen. Am nächsten Tag ging sie mit ihren Kindern zu dem Bauern. Ihr Handwagen wurde mit Kartoffeln bis oben hin voll geladen. Aber was war das? Frau Krieger packte noch eine Tüte obenauf. In der Tüte befand sich ein ganzes Brot. Lina hat später diese Geschichte oft erzählt. Sie hat nie vergessen können, wie diese Leute ihr damals geholfen hatten. Als bei dem Bauern, lange nach der schlimmen Zeit, Goldene Hochzeit gefeiert wurde, brachte Lina Blumen. Frau Krieger konnte sich nicht daran erinnern, was sie Lina damals Gutes getan hatte.
 
Die Verwandten jenseits der „Bauernwiese“
Als Fritz wieder zu Hause war, erwarteten seine Eltern und Geschwister, dass die junge Familie jeden Sonntag zu ihnen kam. Lina, die nicht gelernt hatte, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, machte mit ohne zu murren und wäre doch gern mal zu Hause geblieben. Gertrud und Christa standen immer im Mittelpunkt und wurden von Fritz’ Geschwistern sehr verwöhnt. Heini, der noch Junggeselle war, bastelte die schönsten Spielsachen in einer Zeit, als niemand Geld hatte, Spielsachen zu kaufen. Einmal gab es zu Weihnachten für Christa ein Puppenschlafzimmer, das einem richtigen Schlafzimmer nachgebildet war. Der Kleiderschrank war so groß, dass darin alle Puppenkleider Platz hatten. Dazu gab es ein Ehebett für die Puppen und eine Kommode mit einem Spiegel. Christa war begeistert und benutzte diese Puppenmöbel noch, als sie schon in die Schule ging. Heini baute aber auch Puppenwagen, einen Kaufladen und vieles mehr. Christa und Gertrud besuchten gern die Familie ihres Vaters. Das Leben dort war einfach, noch einfacher als bei ihnen zu Hause. Wenn sie zur Toilette mussten, gab es keine andere Möglichkeit als das Plumsklo im Ziegenstall aufzusuchen. Christa fürchtete sich sehr vor den Ziegen, die über die Brüstung schauten, wenn sie geradewegs auf das Klo zusteuerte. Erna und Berta aber wollten sich kaputt lachen, wenn die kleine Christa sich nicht traute, zwischen den Ziegen hindurchzugehen.
Als Christa in die Schule ging, verbrachte sie die großen Ferien meist bei den Großeltern und Tanten. Sie war gern dort, liebte den schönen Garten, in dem die Dahlien im August herrlich blühten. Und sie ging auch gern ins Nachbarhaus, wo die Schwester ihrer Oma mit drei unverheirateten Töchtern lebte. Auch dort gab es das Problem mit den Ziegen, wenn man zur Toilette musste.
Wenn Lina während der Woche mit den Kindern bei Fritz Eltern vorbeikam, was aber nicht oft passierte, konnten sie alle zusehen, wie die Frauen Zigarren machten. Einmal in der Woche gingen Erna und Berta mit einem Handwagen zur Zigarrenfabrik, lieferten dort die fertigen Zigarren ab und brachten neue Deckblätter mit nach Hause. Wenn die Deckblätter nicht gut waren, bereitete die Arbeit große Probleme. Es wurde viel geschimpft. Wie viel sie mit der Heimarbeit verdienten, ist nicht bekannt. Reich wurden sie auf jeden Fall nicht dabei.
 
Flüchtlinge
Als der Krieg zu Ende war, mussten viele Flüchtlinge untergebracht werden. Auch im Dorf war die Wohnungsnot groß. Eine Pfarrwitwe mit ihren drei erwachsenen Kindern wohnte vorübergehend in einem Klassenzimmer in einer Schule. Sie sollten die Wohnung in Linas Haus bekommen, denn zwei Zimmer waren frei geworden, weil der Mieter, dessen Frau während des Krieges gestorben war, heiratete und zu seiner Frau zog. Auch die Flüchtlingsfamilie, die nun schon viele Jahre bei Lina wohnte, bekam eine andere Wohnung. Die neuen Mieter waren begeistert, dass sie nun eine eigene Toilette hatten. Die Familie Miegel brachte ein Klavier mit und viele Bücher. Auch besaßen sie interessante Spiele, die noch niemand im Dorf gesehen hatte. Die Miegels lebten in einer anderen Welt. Christa, die gerade in die Schule gekommen war, spürte das intuitiv und wollte immer gern nach oben gehen. Lina musste aufpassen, dass es den Leuten nicht lästig wurde. Christa wollte Bücher anschauen, zuhören, wenn die jüngste Tochter, die Sängerin werden wollte, Klavier spielte. Man ließ sie gewähren. Das Mädchen war ja so wissbegierig. Die Wohnung oben im Haus war bald gemütlicher als Linas Wohnung. Überhaupt brachte die Familie frischen Wind in das Haus. Es wurde gesungen, besonders in der Adventszeit gab es viel Hausmusik bei Kerzenschein. Im Sommer saß man oft draußen, genoss die Sonne und die schöne Aussicht auf das freie Feld. Man konnte stundenlang wandern ohne Straßen zu berühren. Miegels waren zufrieden, obwohl die Armut immer noch groß war. Man hatte gelernt sich einzuschränken. Lina rackerte sich ab, so beschrieb sie ihre Arbeit. Sie versorgte das Haus, die Kinder und den Garten, in dem Gemüse angepflanzt wurde. Manchmal beobachtete sie mit Neid, wie sich ihre Mieter sonnten und pflegten, während sie im Garten schuftete, denn Fritz half nicht viel bei der Gartenarbeit. Er hatte glücklicherweise Arbeit in einem Maurergeschäft gefunden und war müde, wenn er vom Bau nach Hause kam. Gartenarbeit machte ihm keinen Spaß. Das war für Lina manchmal schwer zu verkraften.
 
 
Weihnachten
Weihnachten stand vor der Tür. Lina hatte schon früh damit begonnen, allerlei Backwerk zu erstellen. So etwas machte sie zusammen mit ihrer Mutter. Sie aßen an solchen Tagen zusammen, und die Kinder konnten in dem großen Haus der Großeltern herrlich spielen. Sie hielten sich auch gern in Opas Schusterstube auf. Abends, wenn Fritz nach Hause kam, gingen sie wieder rüber in ihr Haus, das durch einen Trampelpfad mit dem Haus der Eltern verbunden war. Lina saß oft bis spät abends an der alten Nähmaschine, die sie geerbt hatte. Sie hatte angefangen für die Puppen und Teddybären der Kinder Kleider zu nähen. Da das Weihnachtsüberraschungen werden sollten, musste sie warten, bis die Kinder schliefen. Es wurde oft spät, und Fritz, der auf dem Sofa lag und schon einmal eine Runde schlief, konnte, wenn er wach wurde, wohl sagen: „Kumm man int Bedde, morjen is ouk noch nen Dag.“ Weihnachten freute sich. Lina wie ein Kind über die schönen Sachen, die sie genäht hatte. Der Teddy Kurt trug eine flotte Jacke und einen Hut. Alle Puppen waren fein herausgeputzt. Dann kam die Bescherung. Christa suchte etwas. Unruhig schaute sie in alle Ecken. Schließlich sagte sie mit weinerlicher Stimme: „Wo ist meine Inge?“ Das war eine Puppe, die sehr bleich aussah und deren Körper schon viele Male zusammengenäht worden war. Lina hatte keine Ahnung gehabt, dass Christa diese Puppe besonders liebte, weil sie benachteiligt war.
Was an diesem Weihnachtsfest in Christa vorging, verstand niemand. Sie nahm ihre hässliche Inge, spielte nur mit ihr und setzte sie unter den Weihnachtsbaum. Sie sollte nicht ausgeschlossen werden. Arme, liebe Inge, wie konnte Mama dich vergessen! Christa hatte schon früh ein Gespür dafür entwickelt, dass man niemanden links liegen lassen darf, und so war sie später als junge Frau gut auf ihr Schicksal als Mutter eines schwer behinderten Kindes vorbereitet. Für den Erzähler ist die Geschichte mit der Puppe Inge, die benachteiligt worden war, weil sie hässlich und nicht mehr ganz in Ordnung war, eine Schlüsselgeschichte für sein eigenes behindertes Leben.
 
Lina bekommt eine dritte Tochter.
Als Christa 12 Jahre alt war und Gertrud 10, waren die Kinder einmal wieder mehrere Tage lang bei den Großeltern väterlicherseits. Als Erna und Berta sie wieder nach Hause bringen wollten, druckste Erna herum und sagte: „Wenn ihr nach Hause kommt, wird euch eure Mama ein Geheimnis verraten.“ Christa und Gertrud warfen sich fragende Blicke zu, kamen aber nicht darauf, was es für ein Geheimnis sein könnte. Als sie zu Hause waren, tat sich Lina schwer damit, ihren Kindern zu sagen, dass sie ein Geschwisterchen bekommen würden. Die Kinder waren begeistert und konnten ihre Ungeduld kaum bändigen. Am 19. Januar war es dann so weit. Edelgard wurde geboren. Lina musste schon einige Tage vorher in die Klinik gebracht werden. Es war für die Kinder schwer auszuhalten, dass es so lange dauerte, bis die erlösende Nachricht eintraf. Edelgard, das Nesthäkchen der Familie, wurde von ihren Schwestern bemuttert und verwöhnt. Auch Fritz hatte große Freude an diesem Kind und lebte richtig auf. Die ersten Schuhe machte Opa Fritz, der immer noch in seiner Schusterstube herumwerkelte, aber keine großen Geschäfte mehr machen konnte. Aus der Familie des Schuhmachermeisters waren arme Leute geworden, die nur eine kleine Hinterbliebenenrente bekamen. Der Opa hielt ja nichts von Versicherungen. Er hatte, als er noch gut verdiente, nicht für eine Rente vorgesorgt. Nun mussten er und seine Frau dafür büßen. Aber an der kleinen Edelgard hatten auch die alten Leute Freude. Da sie nebenan wohnten, sahen sie das jüngste Enkelkind oft. Minna musste manches Mal Linas Kinder versorgen, denn Lina war oft krank und musste auch einige Male ins Krankenhaus.

Lina starb im Juni 2010. Sie wurde fast 96 Jahre alt.


Dietmar Zöller,
Oma Frieda als junges Mädchen,
1991, Pastell-
Ölkreide
 

Kommentar:

Mir ist immer aufgefallen, dass sich im Gesicht meiner Oma etwas erhalten hat, was zu einem jungen Mädchen passt. Vielleicht habe ich das aber auch nur phantasiert. Ich war selbst überrascht, als ich dieses Bild von weitem anschaute und eine Ähnlichkeit mit einem Foto, das Oma als junges Mädchen zeigt, feststellen konnte.

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