dietmarzoeller
  Wer bin ich?
 

 




In Pokhara in Nepal 2010

Dietmar Zöller stellt sich vor:

Geboren wurde ich am 2. Dezember 1969 in Balige /Nordsumatra.







Wie mir berichtet wurde, ahnte niemand etwas von einer Behinderung. Ich wog über 8 Pfund bei der Geburt, und die indonesischen Freunde gratulierten voller Ehrerbietung zu dem dritten Sohn. Ein undefinierbares Fieber, das mit 2 ½ Monaten begann, wurde viel zu spät als Malaria tropica entlarvt. Und dann, ich war inzwischen 4 ½ Monate alt, passierte, was nicht hätte passieren dürfen: Eine Überdosis Resochin führte zu einem Atem-Kreislauf-Stillstand. Drei Stunden lang wurde im Beisein meiner Mutter um mein Leben gekämpft, um ein Leben, das nur ein behindertes sein konnte, weil mein Gehirn unwiederbringlich geschädigt war.
Nach Deutschland zurückgekehrt, begann meine Leidensgeschichte. Ich konnte nicht leben und nicht sterben. Ich entwickelte mich nicht. Wenn ich einen Fortschritt gemacht hatte, wurde ich wieder krank, und alles war umsonst gewesen. Als ich 8 Monate alt war, bekam ich einen Malariarückfall, der zu spät erkannt wurde. Meine Mutter nahm mich mit nach Hause, weil die Ärzte mich aufgegeben hatten.
Nach Indonesien durften wir nicht  zurück. Das Risiko wäre zu groß gewesen. Ich war schon 2 ½ Jahre alt, als meine Mutter endlich beginnen konnte, mich systematisch zu fördern. Die Anregungen bekam sie im Kinderzentrum in München. Ich musste nun täglich Übungen machen, gegen die ich mich anfangs oft wehrte. Aber meine Mutter gab nicht auf und konnte mir im Laufe der Zeit vieles beibringen, was ich nie aus eigenem Antrieb gelernt hätte. Körperlich blieb ich schwach, hatte viele Infekte und als ich mit 3 ½ Jahren die ersten Schritte wagte, konnte ich noch lange nicht ausdauernd laufen. Nach wenigen Schritten sackte ich zusammen. Ich weinte und jammerte viel, konnte aber allmählich längere Zeit am Tisch sitzen und Übungen machen.
Die Sprachanbahnung zeigte nur geringe sichtbare Erfolge. Aber ich lernte Sprache verstehen, was mir entscheidend weiterhalf. Mit 5 Jahren konnte ich ganz gut nach-sprechen, aber als ich begann kleine Sätze zu formulieren, wurde offenbar, dass ich zu leise und zu undeutlich sprach.
Ich selbst hörte meine eigene Stimme so verzerrt, dass ich erste Versuche, mit Außenstehenden zu reden, schnell wieder aufgab. Ich lernte früh lesen, ohne mich anstrengen zu müssen.
Das Schreiben gelang nur, wenn meine Mutter mich anfasste. Aber was ich schrieb, waren meine Einfälle. Ich spürte Mutters Überraschung und entwickelte eine unbändige Lust sie zu verblüffen.
Meine Mutter kämpfte einen einsamen Kampf, nachdem sie gemerkt hatte, dass ich gar nicht intellektuell beeinträchtigt war. Prof. Specht aus Göttingen, dem ich vorgestellt wurde, bestätigte Mutters Einschätzung und schrieb für die Schulbehörden folgende Diagnose:
„Autistische Verhaltensweisen
bei Funktionsstörungen
des Zentralnervensystems
nach frühkindlicher Erkrankung an Malaria tropica ohne wesentliche intellektuelle Beeinträchtigungen.“
Meine Mutter unterrichtete mich und verhinderte eine Einschulung in eine Schule für Geistigbehinderte. In einer Schule wäre ich untergegangen, so scheu und unselbständig war ich geblieben.
Erst mit 10 Jahren besuchte ich nach dem Umzug von Bielefeld nach Stuttgart eine Schule für Körperbehinderte.
Ich war und blieb ein schwieriger Schüler, den man duldete, aber mit dem man eigentlich nichts anfangen konnte. Ich tat nichts und sagte nichts, saß aber dabei und bekam alles mit, was um mich herum passierte.
Ich konnte mein Leben nur aushalten, wenn ich passiv blieb. Sobald ich mich bewegte, gerieten meine Wahrnehmungen so durcheinander, dass ich total hilflos wurde. Niemand verstand meine Probleme, trotzdem wurde ich lange Zeit geduldet, ohne dass man mir vermittelte, ich sei untragbar.
Einen Fernkurs, der auf die Reifeprüfung vorbereitete, hielt ich bis zum Schluss durch, ohne eine Prüfung anzustreben. Ich habe alles gelernt, was man für die Reifeprüfung lernen muss. Ich hätte aber niemals, ohne gestützt zu werden, Prüfungsaufgaben
machen können. Mir war es auch nicht wichtig, ein Reifezeugnis zu bekommen.
Ich war mir immer bewusst, dass ich außerordentlich schwer behindert bin, dass ich aber durchaus Begabungen habe. Mein erstes Buch erschien, kurze Zeit bevor ich die Schule verließ.
Ich blieb zu Hause, denn der Besuch einer Werkstatt hätte mich überfordert. Meine Handlungsstörungen sind so ausgeprägt, dass ich eine ständige Assistenz benötigt hätte.

So habe ich mich gemalt:

                           
                                                            1974

                                 

                                                          1978


                                     

                                        1980

                 
                  1985

                          
                                                      1986

1985           

                               So werde ich vielleicht als alter Mann sein.
 
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